Expertin über von der Leyens Rentenpläne: "Die Zuschussrente ist ungerecht"

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen will kleine Renten künftig aufstocken. Die Finanzexpertin Heide Härtel-Herrmann findet das unfair.

Zuschussrente? Damit werden falsche Anreize gesetzt, sagt Heide Härtel-Herrmann. Bild: dpa

Frau Härtel-Herrmann, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will die Rente aller GeringverdienerInnen auf 850 Euro aufstocken, solange sie 35 Jahre in die Rentenkasse und ein paar Jahre in die Riesterversicherung eingezahlt haben. Wie finden Sie das?

Heide Härtel-Herrmann: Das klingt zunächst alles ganz gut, Frau von der Leyen wirbt ja auch damit, dass vor allem Frauen davon profitieren werden. Vom Zuschuss-Modell profitieren aber nur Frauen, die wegen der Kinder viele Jahre aus dem Beruf aussteigen oder hauptsächlich Teilzeit arbeiten. Denn Ursula von der Leyen will Kindererziehung, Pflegeleistungen und Teilzeit aufwerten.

Was ist schlecht daran?

Damit werden falsche Anreize gesetzt. Frauen, die in traditionellen Familienkonstellationen leben, werden belohnt, und berufsorientierte Frauen, also jene, die Kinder erziehen und qualifizierte Vollzeit arbeiten, bestraft. Denn sie erreichen die 850 Euro monatliche Rente über ihre selbst eingezahlten Beiträge.

Verleitet das Modell Frauen dazu, verstärkt Teilzeit zu arbeiten?

HEIDE HÄRTEL-HERRMANN, 58, ist Diplomökonomin. Sie gründete 1986 in Köln den privaten "Frauenfinanzdienst" und führte seitdem rund 7.000 individuelle Finanzberatungen durch.

Auf jeden Fall. Aber auch, aus der Erwerbsarbeit teilweise oder ganz auszusteigen und sich als Hausfrau einzurichten. Wieso soll ich mir die Strapazen der Doppelbelastung antun, wenn die Rente sowieso reinkommt? Außerdem ist die Idee extrem ungerecht. Denn diese Rente wird von der Allgemeinheit subventioniert, also unter anderen von den Frauen mit den Vollzeitjobs und der langen Teilzeit.

Können Sie das mit Zahlen belegen?

Ein Jahr Minijob bringt eine monatliche Rente von 3,25 Euro und eine Teilzeitstelle mit 1.000 Euro brutto 10,78 Euro. Die Teilzeitstelle auf 30 Jahre hochgerechnet ergibt eine Rente von 323,40 Euro im Monat. Eine Verkäuferin aber, die 36 Jahre Vollzeit arbeitet und 2.200 Euro brutto verdient, bekommt mit 67 Jahren eine Rente von 850 Euro. Insgesamt hat sie - zusammen mit ihrem Arbeitgeber - 190.000 Euro in die Rentenkasse eingezahlt. Dieses Beispiel verdeutlicht die Kosten der "Sockelrente".

Erwartet uns eine neue Gerechtigkeitsdebatte - diesmal unter Frauen?

Das Zuschuss-Modell bevorzugt Hausfrauen und Minijobberinnen und benachteiligt die engagiert berufstätigen Frauen. Das ist extrem unfair. Das Von-der-Leyen-Modell schiebt die Verantwortung für soziale Dienstleistungen, dieses sich Kümmern um Kinder und Pflegefälle, den Frauen zu und entlastet die Politik.

Was sollte die Politik tun?

Das Problem der Altersarmut kann nicht allein die Rentenkasse lösen, das kann nur der Arbeitsmarkt. Die Minijobs müssen weg, die verleiten Frauen dazu, nur an heute zu denken und nicht an später. Aber auch die falschen Anreize der Sozialpolitik, zum Beispiel die beitragsfreie Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenkasse und das Ehegattensplitting gehören abgeschafft. Das erschwert Frauen den Zugang zur Erwerbsarbeit und fördert finanziell das Alleinverdienermodell. Frau von der Leyen sollte sich mal den Gleichstellungsbericht ihrer eigenen Regierung anschauen.

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