Ex-Bahnchef Heinz Dürr über Stuttgart 21: "Die wollen an die Futterkrippe"

Der Vater des Großprojekts Stuttgart 21, Heinz Dürr, wirft den Gegnern des Bahnhofs vor, dass es ihnen nicht um den Neubau gehen würde: "Die wollen an die Macht."

"Es ist alles längst beschlossen, nach allen demokratischen Regeln." Bild: dpa

taz: Herr Dürr, Sie haben als Bahnchef 1994 "Stuttgart 21" auf den Weg gebracht. 16 Jahre später gibt es eine deutliche Mehrheit gegen das Projekt.

Heinz Dürr: Ich weiß nicht, ob das eine Mehrheit ist und ob die wissen, was eigentlich gewollt ist.

In Umfragen sind zwei Drittel der Stuttgarter gegen die Verlegung des Bahnhofs unter die Erde. Das ist keine Mehrheit?

Glauben Sie allen Umfragen? Umfragen sind Momentaufnahmen medialer Ereignisse. Haben Sie zum Beispiel die Ulmer gefragt?

Aber dass die Stimmung sehr aufgeheizt ist, das werden Sie nicht bestreiten.

Stimmt. Und die Medien haben ihren Spaß daran.

Ihr alter Freund, Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter, plädiert für einen Baustopp, um die verfahrene Situation zu lösen. Schließen Sie sich seinem Appell an?

Nein. Es ist alles längst beschlossen, nach allen demokratischen Regeln. Alle Genehmigungen liegen vor. Stuttgart 21 kann so gemacht werden.

Der Bahnchef: Heinz Dürr, 77, war von 1991 bis 1997 Chef der Deutschen Bahn. Zuvor hatte er die Dürr AG zu einem der weltweit führenden Unternehmen für Lackieranlagen aufgebaut und war dann bis 1990 Vorstandsvorsitzender der AEG. Als Bahnchef stellte Dürr im April 1994 mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel, dem Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel und Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (alle CDU) das Projekt Stuttgart 21 vor. Der gebürtige Stuttgarter Dürr lebt heute in Berlin-Dahlem.

* * *

Das Bahnprojekt: Stuttgart 21 ist der Umbau des Stuttgarter Haupt- und Sackbahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof. Dazu kommen die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm und ein Stadtentwicklungskonzept auf den Flächen, auf denen bisher Gleise liegen. Kostenannahme von Bund, Land und Bahn derzeit: 4,5 plus 2,9 Milliarden Euro. Seit Wochen protestieren bis zu 70.000 Menschen gegen Stuttgart 21. Der erst am Freitag aufgenommene Gesprächsfaden zwischen Gegnern und Befürwortern des Bahnprojekts Stuttgart 21 ist schon wieder abgerissen. Gangolf Stocker, Chef der Bürgerinitiative "Leben in Stuttgart - Kein Stuttgart 21", sagte am Montag, ein erneutes Treffen sei nur sinnvoll, wenn es die Zusage gebe, dass der Südflügel des Hauptbahnhofs nicht abgerissen werde und auf Eingriffe in den Park verzichtet werde. Solche Signale gebe es aber nicht.

Kann, muss aber nicht.

Natürlich können die Politik und die Bahn einen Rückzieher machen. Das wird aber sehr teuer. Man spricht von zwei Milliarden Euro. Aber die Bundesregierung und die Landesregierung stehen nach wie vor zu dem Projekt. Im Übrigen: Als wir das Projekt 1994 vorgestellt haben, war die Stimmung eine völlig andere. Die Leute wollten Stuttgart 21.

Damals wussten sie ja auch noch nicht, wie viel das Projekt wirklich kostet. Umgerechnet 2,4 Milliarden Euro hieß es am Anfang, heute sind es 4,1 Milliarden Euro. Mindestens.

Kostensteigerungen hat es bei vielen Großprojekten gegeben, aber natürlich auch bei der Bahn, denken Sie nur an den Hauptbahnhof in Berlin und den Tunnel unter dem Tiergarten. Das hat am Ende auch wesentlich mehr gekostet. Heute sind die Leute froh, dass so gebaut wurde.

Bei Stuttgart 21 gibt es Unwägbarkeiten. Geologen sehen als großes Problem Gesteinsschichten mit Anhydrid, die bei Tunnelarbeiten unkontrollierbar aufquellen könnten.

Es gibt schon heute kaum eine Stadt, die so untertunnelt ist wie Stuttgart. Das ist alles bestens untersucht. Das sind für mich vorgeschobene Argumente.

Es geht tatsächlich nicht nur um die explodierenden Kosten. Die Menschen haben das Gefühl, Stuttgart 21 sei von Anfang an intransparent abgelaufen.

Das stimmt doch nicht. Alle Projektschritte wurden der Öffentlichkeit im Detail vorgestellt.

Vier Schwaben haben dem Schwabenland 1994 einen Megabahnhof beschert: Sie, der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, Ministerpräsident Erwin Teufel und Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann. Diese "Maultaschenconnection" hat doch bis heute ein Gschmäckle!

Das ist doch völliger Quatsch. Dass der Oberbürgermeister ein Stuttgarter ist, ist wohl normal. Und dass der Landesvater auch ein Schwabe ist, war bisher in Baden-Württemberg auch normal. Dass ich als Bahnchef auch Schwabe war, finden Sie ungewöhnlich?

Und der damalige Bundesverkehrsminister Wissmann?

Okay, der war auch aus dem Ländle.

Deshalb sprechen manche von einer "Maultaschenconnection" oder gar einer schwäbischen "Bahnhofsmafia".

Ich wiederhole: Quatsch. Worum ging es denn damals? Stuttgart bekommt im Zentrum 150 Hektar Land für einen neuen Stadtteil. Und die Bahn verbessert ihre Verbindungen nicht nur für Stuttgart, sondern für Baden-Württemberg. Im Übrigen waren die Bürger die ganze Zeit einbezogen. Wir haben damals gesagt, dass Stuttgart dieses Projekt braucht, und die Menschen waren auch davon überzeugt. Es gab 1997 eine Bürgerbeteiligung zur städtebaulichen Entwicklung, Tausende waren im Rathaus und haben sich die Pläne angeschaut. Große Proteste gab es damals nicht.

Dafür haben andere Städte Pläne für einen unterirdischen Bahnhof rasch wieder beerdigt. Frankfurt zum Beispiel.

In Frankfurt war es zu schwierig, es gab schon zwei Ebenen U-Bahn und S-Bahn übereinander - und da noch einen Tunnel für die Bahn unten durchzubohren, das ging nicht. Frankfurt löst das Problem heute übrigens ganz anders. 50 Prozent des Verkehrs fließen nun über den Flughafen und gar nicht mehr in die Stadt rein.

Hätte man das in Stuttgart nicht auch machen können?

Alternativen wurden geprüft und verworfen. Aber wissen Sie, was mich ärgert: Wir haben bisher kein einziges Mal über das geredet, um was es bei Stuttgart 21 wirklich geht. Die Chancen, die das Projekt für die Stadt eröffnet.

Und die wären?

Die hässlichen oberirdischen Gleisanlagen, die jegliche Stadtentwicklung unmöglich machen, fallen weg. Warum redet heute niemand mehr über die Möglichkeiten dieses neuen Stadtteils, der im Zentrum entstehen könnte? Das muss man den Menschen erklären!

Vielleicht weil viele Bürger glauben, dass hier nicht die Stadt der Zukunft entsteht, sondern ein seelenloses Viertel, in dem abends die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Muss doch nicht sein. Ich hätte mir hier allerdings auch mehr Mut gewünscht. Es gab ja bei dem Wettbewerb um den neuen Stadtteil wirklich spannende Entwürfe. Da waren Weltklassearchitekten beteiligt. Renzo Piano etwa, der hatte einen grünen Stadtteil entworfen, ohne Autos. Das war der Stadt Stuttgart aber dann doch zu modern.

Heute sagen die Stuttgarter: Wir wollen nicht zehn Jahre lang eine Baustelle am Bahnhof.

Aller Schrott und Abraum könnte mit dem Zug abtransportiert werden. So wie in Berlin beim Potsdamer Platz.

In Stuttgart fahren nun jahrelang Lastwagen den Dreck weg. Und doch sagen Sie: Ein Baustopp oder gar ein Volksentscheid ist der falsche Weg. Man soll also alle Widerstände ignorieren?

Nein, natürlich muss man mit den Leuten reden. Es sind schließlich Steuergelder, die hier eingesetzt werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Landtagswahl im Frühjahr nächsten Jahres zur Abstimmung über Stuttgart 21 ausgerufen. Das ist ja dann wohl faktisch der Volksentscheid. Wenn allerdings die Gegner mit Walter Sittler einen Schauspieler in ihren Reihen haben, brauchte man vielleicht auf der anderen Seite auch einen Schauspieler.

Außer Scherzen fällt Ihnen nichts ein?

Ein bisschen Humor muss doch erlaubt sein. Schauen Sie: Es geht doch für viele Gegner des Projekts gar nicht um den Bahnhof oder die Zukunft der Stadt. Es geht ihnen um etwas ganz anderes.

Worum denn?

Die Grünen zum Beispiel, die sagen, es gehe ihnen um den Bahnhof. Aber was die wollen, ist: an die Macht. Die wollen an die Futterkrippe! Oder nehmen Sie einen der Fähnleinführer des Protests, der anscheinend früher bei der DKP und bei der PDS gewesen ist.

Sie meinen Gangolf Stocker.

Natürlich freut sich so einer, wenn er die etablierten Parteien ärgern kann. Manfred Rommel hat einmal gesagt, zur Demokratie gehört auch, dass nicht jeder Interessenhaufen zum Volk erklärt wird.

Da machen Sie es sich aber sehr einfach. Selbst in Stuttgarter Behörden liegen bei den Mitarbeitern inzwischen Gegen-Stuttgart-21-Sticker auf dem Schreibtisch. Der Protest hat doch längst andere Schichten erreicht: Ärzte, Architekten oder Anwälte.

Auch manche meiner Freunde sind skeptisch.

Ach. Und was sagen Sie denen?

Ich erkläre ihnen, was die Idee von dem ganzen Projekt ist, die Vision dahinter. Das ist vielen gar nicht bewusst. Klar ist doch: Die Bahn überlebt, wenn Stuttgart 21 nicht gebaut wird. Aber Stuttgart bleibt dann eben eine Provinzstadt ohne Potenzial.

Es gibt eine Liste von 48 Bahnprojekten in Deutschland, die als notwendig eingestuft werden, für die aber das Geld fehlt. Im Interesse aller müsste man die Milliarden für Stuttgart 21 anderswo investieren.

So kann man denken. Aber im Interesse von Baden-Württemberg sollte man das Projekt durchziehen. Im Übrigen scheint mir das Hauptproblem ein ganz anderes zu sein: In Deutschland haben wir eine grundsätzliche Angst vor Neuem. Man kann aber nicht immer nur dagegen sein. Um noch einmal Manfred Rommel zu zitieren: Die Forderung, dass nichts geschehen darf, mit dem nicht alle einverstanden sind, ist ein beweisbarer Unsinn.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben