: Es weckruft wieder
Die Schlummertaste des Journalismus
Hatten wir nicht erst im April an dieser Stelle gemahnt und gewarnt, dass der „Weckruf“ inzwischen eine der populärsten Plattitüden im Politikjournalismus ist und eher das Gegenteil bewirkt, nämlich die Leser einschläfert? Der „Weckruf“ ist die Schlummertaste des Journalismus. Doch genutzt hat es nichts. Am Donnerstag wurde es gleich zweimal schrill, und das international: „Fälle Le Pen und Farage sollten Weckruf für Europa sein“, meinte die dänische Tageszeitung Politiken. Und der Guardian aus Manchester leitartikelte: „Kandidatur von Marine Le Pen muss als Weckruf dienen.“ Dabei wurde allerdings nicht auf das schnöde deutsche Wort zurückgegriffen, das blieb der Übersetzung vorbehalten. Im Original hieß es beide Male „Wake-up-call“. Was an Ian Durys Song „Wake up and make love with me“ erinnert. Und damit stoßen wir auch an die Quelle vor. Denn der Politjargon orientiert sich längst am trendigen Pop-Business: Stammt ein Begriff aus der Lingua franca unserer Tage, dem Englischen, dann verbreitet er sich rasant und verschwindet so schnell nicht wieder. Egal, ob der Inhalt Schwachsinn ist. Kommt doch ein politischer Weckruf immer zu spät. Wir wachen Phrasenverächter aber werden trotz aller Weckrufe garantiert nicht weiterschlummern.
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