berliner szenen: Ertappt nach oben gucken
Es gibt dieses Motiv, das wohl einige schon mal gesehen haben oder sogar erlebt: Leute gucken nach oben, als ob sie was Besonderes beobachten. Andere sehen die Nach-oben-Guckenden und gucken reflexhaft auch hoch. Obwohl es da mitunter nichts zu sehen gibt, weil die ersten Nach-oben-Guckenden nur die Leute veräppeln wollten. Oder weil es sich um ein gruppenpsychologisches Experiment handelte. Aber selbst wenn es was zu sehen gibt: Die NachahmerInnen sind irgendwie ertappt als individualitätsferne MitläuferInnen. Dabei folgen sie doch nur einem instinktiven Wissensdurst, einer vermutlich evolutionär notwendigen Neugier.
Bei einem Spaziergang im Park am Gleisdreieck guckte eine Menschenmenge, trotz Pandemie, auf eine Baumkrone. Ein Mann warf mehrmals einen Ball in die Baumkrone. Das Ganze wirkte wie ein spannendes Sportevent. Ich dachte, wenn du jetzt auch da hochguckst, bist du der gruppenpsychologische Nachmacher-Roboter. Was, wenn all diese Leute nur ein Forschungsteam waren, das testete, wie viele uniformhafte Typen am Gleisdreieck rumlaufen? Oder waren es womöglich infantile Leute-Veräppler mit versteckter Kamera?
Scheißegal, ich musste wissen, was da oben vor sich geht. Sah aber nichts außer kahlen Winter-Ästen. Deshalb fragte ich eine Frau, die auch die spannende Baumkrone beobachtete. Sie erlöste mich aus meiner Unwissenheit. Eine Drohne hatte sich in den Ästen gefangen und kam nicht mehr raus aus dem Baum, vermutlich zum Unwillen der steuernden Person. Ich guckte nochmal nach oben und meine Augen entdeckten oder erahnten eine Art Drahtspinne. Was sie gut sahen: Leuchtpunkte, die blinkten, orange, grün und weiß. Zum Glück hatte ich nicht auf meinem Individualismus beharrt.
Giuseppe Pitronaci
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen