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Erinnern – und was noch?

■ Dokumentation „Die Todesfabrik“, heute, 20.15 Uhr, ARD

So was kommt von so was: Beschließt man denn endlich, sich mit Auschwitz zu beschäftigen, stößt man auf immer neue, unerschlossene Themenfelder, Zusammenhänge, Aspekte. Sie offenbaren, wieviel doch so lange Zeit ungetan blieb, ungedacht, ungefragt, unbesprochen. Und nun ist so viel nachzuholen. Die Frage etwa, was das alles mit uns zu tun hat, mit den Menschen, die jetzt leben. Was aktuell anliegt, außer dem Mahnen und Erinnern.

So erging es den beiden NDR- Redakteurinnen Gabriela Kube und Patricia Schlesinger, die für den „Weltspiegel“ und für „Panorama“ arbeiten, als sie „nebenher“, so sagt Joachim Wagner, der Chef von „Panorama“, eine Dokumentation herstellen sollten, weil sich die Befreiung des KZ Auschwitz zum 50. Mal jähren würde, „einen Film gegen das Vergessen“, extra für den Gedenktag. Die kostbarste Stunde Sendezeit gibt's dafür am Jahrestag selbst, obwohl er auf einen Freitag fällt, wo die Sendung gleich nach der Tagesschau im Ersten gewöhnlich mit leichterer Kost gefüllt ist. Titel der Dokumentation: „Die Todesfabrik“.

Doch das zu vermutende Erklärstück über die perfide Perfektion, mit der die Nazis die größte Menschenvernichtungsmaschinerie der Geschichte betrieben, ist der Film der beiden NDR- Frauen nicht geworden. Was heute unter diesem Titel auf den Bildschirm kommt, ist eine Fleißarbeit, eine „Collage“, wie „Panorama“- Chef Wagner sie nennt, kleinteilig, beinahe atemlos und, so versichern die Autorinnen, absichtsvoll hart geschnitten: Altes und Aktuelles, damals und jetzt, alles, alles ist drin.

Als Angehörige aktueller Fernsehressorts schaufelten Kube und Schlesinger dafür Unmengen Material zusammen; aus den eigenen Redaktionen, dem Senderfundus und dem auf historische Filmdokumente spezialisierten Archiv von Chronos in Klein-Machnow bei Berlin. Aus Archiven in Moskau, Österreich, Israel und wo sonst etwas zu finden war. Szenische Lesungen einiger Naziverbrecher- Verhöre steuerte das Hamburger Thalia-Theater bei.

Interviews mit Entkommenen und mit Menschen, die heute aus Deutschland emigrieren möchten, weil sie Angst vor den neuen Nazis und deren geistigen Wegbereitern haben, drehten Kube und Schlesinger selbst noch dazu. Der Versuch, „den Gedenktag in die Gegenwart hineinzuziehen“ (Wagner), ist jedenfalls zu erkennen. Deshalb ist der Film sehenswert. Läßt er doch erahnen, daß das Fernsehen eine Menge mehr zur gesellschaftlichen Debatte beitragen könnte, wenn es seine Möglichkeiten eben nicht nur „nebenher“ nutzte und nicht nur zu Gedenktagen.Ulla Küspert

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