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Erica Zingher GrauzoneResilienz ist unser aller Aufgabe

Es gibt diesen Ort, an den ich immer gehe, wenn sich alles im Kopf zu schnell dreht. Berge oder Meer, hatte mir eine Traumatherapeutin nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 geraten. Wenn alles zu viel werde, solle ich in Gedanken dorthin zurückkehren. Das beruhige das Nerven­system. Damals habe ich darüber gelacht. Wie soll das gehen?, dachte ich. Wenn ich die Augen schließe, kommen doch gerade die Bilder zurück.


Am vergangenen Sonntag gehe ich also zur Spree. Das Berliner Meer. Irgendwann habe ich festgestellt, dass es tatsächlich hilft. Nur steht da schon jemand an meinem Platz. Ein junger Mann blickt aufs Wasser. Ich mustere ihn: kurze Hose, Tanktop, viel Glitzer im Gesicht. War er gestern auf dem CSD?, frage ich mich.


Wir stehen beide da und starren verloren ins Wasser. Über Berlin hängt diese schwere Luft, die alles weich zeichnet. Das Grauen aber bleibt sichtbar. Ein islamistischer Attentäter hat den CSD angegriffen: Menschen, die Freiheit, ihre Liebe und ihr Leben feiern wollten; eine polnische Mutter, die mit ihrer Tochter feierte und nicht mehr nach Hause zurückkehren wird.


In den Tagen danach denke ich viel über Resi­lienz nach, die Fähigkeit, Krisen zu überstehen, ohne dass sie das ganze Leben bestimmen. Minderheiten wird oft zugeschrieben, besonders resilient zu sein. Fast wie eine Superkraft. Als wäre es selbstverständlich, mit Bedrohungen zu leben. Doch Resilienz wird oft mit Leidensfähigkeit verwechselt. Dabei ist sie das Gegenteil. Ein resilientes System lernt aus Krisen. Es verändert sich. Es wird widerstandsfähiger.
Das gilt für Menschen genauso wie für Staaten und Gesellschaften. Genau deshalb ist Resi­lienz keine private Aufgabe, sondern eine demokratische Pflicht. Sie muss eingeübt werden.

Ich frage mich oft, warum wir Kindern in der Schule nicht beibringen, wie man mit Krisen umgeht. Wie man nach einem Verlust wieder aufsteht. Wie man Unsicherheit aushält, ohne sofort nach einfachen Antworten zu greifen. Es müssen ja nicht einmal die großen Katas­trophen sein. Das Scheitern an einer Prüfung, der Tod eines Großelternteils, die Trennung der Eltern – auch daran lässt sich Resilienz lernen, die Fähigkeit, die einen Menschen durchs Leben trägt und eine Demokratie zusammenhält.


Die Bedrohung durch islamistischen Terror ist Teil unserer Gegenwart. Das heißt nicht, sie hinzunehmen. Sicherheitsbehörden müssen Anschläge verhindern, Fehler aufarbeiten und Konsequenzen ziehen. Aber auch eine ­Gesellschaft muss lernen.


Wenn nach jedem Anschlag dieselben politischen Fronten aufbrechen und dieselben Debatten von vorne beginnen, dann ist das kein Zeichen von Resilienz. Dann drehen wir uns im Kreis. Eine Gesellschaft, die nach jeder Ka­tas­tro­phe wieder bei null anfängt, wird nicht widerstandsfähiger, sondern erschöpft.


Erica Zingher ist Journalistin und arbeitet als Referentin bei democ.

Hier ­erscheinen zwei Kolumnen im Wechsel. Nächste Woche: „Geraschel“ von Doris Akrap

Nach dem jüngsten Terror war immer wieder zu hören, dies sei ein „Anschlag auf uns alle“ gewesen. Wer das ernst meint, muss aber auch die Konsequenz ernst nehmen. Dann darf Resilienz nicht länger denjenigen überlassen werden, die immer wieder Zielscheibe werden. Dann ist Resilienz eine Aufgabe von uns allen.


Das heißt, sich nicht vom Terror einschüchtern zu lassen, sich aber genauso wenig von denen treiben zu lassen, die jede Gewalttat sofort für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren wollen. Minderheiten zu schützen, ist deshalb nicht nur Aufgabe des Staats. Es ist Ausdruck einer Demokratie, in der sich alle verantwortlich fühlen.


Eine Gesellschaft, die nach jeder Katastrophe wieder bei null anfängt, wird nicht widerstandsfähiger, sondern erschöpft

Als ich an diesem Abend von der Spree weggehe, ist auch der junge Mann weitergegangen. Ich frage mich noch, ob er dieselbe Hoffnung hatte wie ich: dass das Wasser etwas mitnimmt. Wenigstens für einen Moment.

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