Engagement für Flüchtlinge: Flucht, Sekt und Zweifel
Drei Bremer erhalten den Civis Medienpreis für einen Flüchtlingsfilm. Nun klingen sie ernüchtert - und haben einen neuen Mitbewohner.
taz | Die Gala-Bühne im EU-Parlament haben die drei Bremer Jugendlichen eigenmächtig geentert, um den bedeutenden Civis Medienpreis abzuholen. Eine kleine Rebellion gegen das Protokoll des Festakts, denn ihren Preis für den Kurzfilm über den Flüchtling Tarek Chalabi hätte eigentlich nur eine Produktionsfirma entgegennehmen dürfen. Offiziell wurde das betreuende Medienbüro „vomhörensehen“ ausgezeichnet, gemacht haben den Film aber die Jugendlichen.
Heute, drei Wochen später, klingen die drei etwas ernüchtert. „Natürlich freuen wir uns“, sagt Paulo Mazurkiewicz. Aber ein bisschen befremdlich sei es schon gewesen auf der Party in Brüssel mit den internationalen Medienprofis zu feiern, sagt Mazurkiewicz, „bei Sekt und Kaviar“.
Flüchtlinge seien da nicht mehr Thema gewesen - obwohl viele der preisgekrönten Filme davon handeln. Der Civis Medienpreis dreht sich um Integration in Europa. Die Auszeichnung wird den Jugendlichen bei ihren anstehenden Bewerbungen helfen: sie alle wollen in die Filmbranche.
Ihr Video ist kein Protestfilm und sie verstehen sich nicht als Polit-Aktivisten. Auf einem Workshop des Bremer Jugendrings haben sie sich mit Europa auseinandergesetzt. Wegen der Toten im Mittelmeer habe sich das Thema Flucht aufgedrängt. Im Flüchtlings-Café der Initiative „Help a Refugee“ fanden sie dann ihren Interview-Partner.
Der "Civis - Europas Medienpreis für Integration" wurde 1987 von der Bundesregierung gemeinsam mit der ARD und der Freudenberg Stiftung gegründet.
Er hat das Ziel, Medienschaffende für Integration und kulturelle Vielfalt zu sensibilisieren.
700 Programme aus 21 EU-Staaten und der Schweiz haben sich 2015 beworben - aus Radio, Film, Fernsehen und Internet.
Dotiert ist der Preis mit 3.000 Euro pro Kategorie.
Unter den Preisträgern sind Medienanstalten wie BBC, Arte oder der Bayrischer Rundfunk.
Zu sehen ist Tarek Chalabi erst am Ende des knapp siebenminütigen Films. Vorher spricht er nur, während Schlagworte ins Bild geschrieben und mit Animationen unterlegt werden. Chalabi erzählt vom Krieg in Syrien, von Folter und Gewalt - und wie er in einem sinkenden Boot über das Mittelmeer gefahren ist.
Seine Erzählung ist dramatisch, aber eben doch vertraut: „Eine von 4,8 Millionen Geschichten in Europa“, ist am Ende zu lesen. Die Spannung zwischen Einzelschicksal und massenhafter Katastrophe hat die Jury beeindruckt: „Inhaltlich wie formal überzeugend“ hätten die Jugendlichen das Thema erfasst - „ohne Klischees“, so das Urteil. Heute wird der Film von Schulklassen diskutiert. In Berlin und Bremen ist er sogar in Kinos gelaufen.
„Wir wollen Flüchtlingen in den Medien ein Gesicht geben“, sagt Finn-Halvar Peters - und die Menschen aufklären, für mehr Verständnis werben. Dass sie damit bis ins EU-Parlament kommen, wo andere die Ursache des Problems sehen, beschäftigt auch die Jugendlichen: „Klar könnten die mehr machen“, sagt Peters. Wütende Schuldzuweisungen sind ihm aber zu einfach. Wenn überhaupt, so sagt er, dann läge die Schuld doch eher bei den Medien.
Und Tarek Chalabi? Der ist gerade bei Mazurkiewicz eingezogen, weil es in der Flüchtlingsunterkunft in der Steinsetzerstraße nicht mehr auszuhalten war. Ihm da rauszuhelfen, war offenbar eine Selbstverständlichkeit. Aktivisten aber, das wollen sie immer noch nicht sein.
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