Energiewende im Norden

Wedel wärmt weiter

Kein Gaskraftwerk als Ersatz für den Kohlemeiler an der Elbe. Hamburger Senat und Vattenfall setzen Investitionsentscheidung aus und prüfen Alternativen

Kraftwerk Wedel

Wird noch jahrelang Klima und Wohnungen aufheizen: Der Kohlemeiler Wedel an der Elbe. Foto: Marcus Brandt/DPA

HAMBURG taz | Ein neues Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GUD) im schleswig-holsteinischen Wedel wird vorerst nicht gebaut. Das wird nach Informationen der taz der Aufsichtsrat der Vattenfall Wärme GmbH am heutigen Dienstagnachmittag beschließen. Darauf haben sich am gestrigen Montag die Spitzen von Senat und Vattenfall verständigt. An der Sitzung im Hamburger Rathaus nahmen Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne), der Chef von Vattenfall Europe, Tuomo Hataka, und der Hamburger Vattenfall-Chef Pieter Wasmuth teil.

Demnach soll eine Entscheidung über die Investitionen von etwa 450 Millionen Euro für ein solches Kraftwerk um etwa ein Jahr verschoben werden. Ein Grund ist, dass der Bund die Förderungsbedingungen für die Kraft-Wärme-Kopplung Anfang nächsten Jahres ändern will. Wie die Reform genau aussieht, ist ausschlaggebend für die Frage, ob sich ein neues GUD-Kraftwerk überhaupt wirtschaftlich betreiben ließe.

Auf der anderen Seite bedeutet die Vertagung, dass das fast 60 Jahre alte Kohlekraftwerk Wedel noch weitere Jahre in Betrieb sein muss, um etwa 180.000 Haushalte im Hamburger Westen mit Fernwärme zu versorgen. Ursprünglich sollte es bereits Ende nächsten Jahres durch ein modernes GUD-Kraftwerk ersetzt werden. Nun dürfte es bis mindestens 2021 Kohlendioxid ausstoßen. Grundlage ist jedoch, dass Vattenfall den betagten Meiler so ertüchtigt, dass er noch ein paar Jahre funktioniert und die ab 2017 geltenden schärferen Grenzwerte für Schadstoffemissionen einhält. Um die 70 Millionen Euro, so raunt es aus dem Rathaus, dürfte das wohl kosten.

Nach dem Hamburger Volksentscheid über die Rekommunalisierung der Energienetze von 2013 hat Hamburg mit 25,1 Prozent eine Sperrminorität an der Fernwärme-Gesellschaft, Vattenfall hält 74,9 Prozent. 2019 soll sie vollständig in den Besitz der Stadt übergehen. Bis dahin müssen wichtige Entscheidungen von Stadt und Konzern einvernehmlich getroffen werden – und der Ersatz für Wedel ist eine energiepolitische Grundsatzentscheidung für die nächsten 40 Jahre.

Beim Volksentscheid über die Energienetze am 22. September 2013 votierten 50,9 Prozent der HamburgerInnen für die vollständige Rekommunalisierung der Netze für Strom, Gas und Fernwärme, 49,1 Prozent stimmten dagegen.

Das Stromnetz ist rund 27.000 Kilometer lang. Angeschlossen sind 1,12 Millionen Zähler. 2014 übernahm die Stadt das Netz für knapp 500 Millionen Euro von Vattenfall.

Das Gasnetz ist rund 7.300 Kilometer lang und versorgt etwa 150.000 Haushalte mit Erdgas. 2014 übernahm die Stadt das Netz für rund 355 Millionen Euro von Eon Hanse.

Das Fernwärmenetz ist rund 800 Kilometer lang und versorgt rund 450.000 Wohnungen mit Heizung und Warmwasser. 2019 will die Stadt das Netz für rund eine Milliarde Euro vollständig von Vattenfall übernehmen.

Deshalb werden hinter den Kulissen verschiedene Szenarien zur künftigen Wärmeversorgung diskutiert. Als Alternative wird die Nutzung von Industrieabwärme von der Kupferhütte Aurubis und der Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm erwogen sowie ein Ausbau des Heizkraftwerks Haferweg in Eimsbüttel, auch ein Biomassekraftwerk neben dem Volksparkstadion ist Bestandteil des Gedanken-Puzzles.

Der Umweltverband BUND, vor zwei Jahren Mitinitiator des erfolgreichen Volksentscheides, erteilte vor der Aufsichtsratssitzung einem GUD-Kraftwerk eine Absage. Es gebe ausreichend Möglichkeiten, „den Einstieg in die erneuerbare Wärme zu schaffen“, so Hamburgs BUND-Chef Manfred Braasch: „Die klimafreundliche Trendwende ist bis 2019 möglich.“

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