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In Deutschland wird sich die Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle noch Jahrzehnte hinziehen. Auch andere Länder suchen. Weltweit ist noch keine dauerhafte Lagerstätte für diese Art von Müll in Betrieb

Ein Castor­behälter mit Atommüllbei der Verladung am heute ab­geschalteten Atomkraftwerk Biblis 2017 Foto: Thorsten Gutschalk/imago

Von Reimar Paul

Immerhin diese Zahlen gelten als valide: Durch den Betrieb der Atomkraftwerke sind in Deutschland rund 28.000 Kubikmeter hochradioaktiver Atommüll angefallen. Das entspricht 10.500 ­Tonnen Schwermetall, die in etwa 1.900 Castorbehältern verpackt wurden oder noch ­werden. Der hochaktive Müll besteht aus den ausgedienten Brenn­elementen aus den Kraftwerken ­sowie aus in Glas eingeschmolzenen Rückständen der Wiederaufarbeitung. ­Obwohl die hochradioaktiven Teile nur etwa 5 bis 10 ­Prozent des gesamten Volumens aller radio­aktiven Abfälle in der Bundesrepublik ausmachen, enthalten sie mehr als 99 Prozent der Radioaktivität.

Derzeit wird dieser Atommüll in 16 Zwischenlagern gebunkert. 13 ­dieser Lager befinden sich an den Standorten stillgelegter Atom­kraftwerke. Die drei übrigen – ­Gorleben in Niedersachsen, Ahaus in Nordrhein-Westfalen und ­Lubmin in Mecklenburg-­Vorpommern – sind sogenannte zentrale Zwischenlager. Sie nehmen die strahlenden Abfälle aus verschiedenen Kraftwerken auf. Wo und wann der ­hochradioaktive Atommüll ­dauerhaft gelagert wird, ist völlig unklar.

Mit der Suche nach einem Endlager ist die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) mit Sitz im niedersächsischen Peine beauftragt. Das Endlager soll mindestens 300 Meter unter der Erde liegen und von einer mindestens 100 ­Meter dicken Gesteinsschicht als Barriere umgeben sein. Als mögliche sogenannte Wirtsgesteine kommen Salzstöcke, Ton- und Granit­formationen infrage. Die BGE hat in den vergangenen Jahren bereits große Gebiete von der weiteren Suche ­ausgeschlossen und zuletzt noch rund ein Viertel der Fläche Deutschlands als potenziell geeignet bezeichnet.

Der jahrzehntelang als einziger Standort untersuchte Salzstock in Gorleben war schon 2020 aus dem Verfahren ausgeschieden – wegen geologischer Mängel, auf die ­Kritiker schon davor immer wieder hingewiesen hatten: Das Gestein über dem Salzstock weist keine ausreichende Stärke auf, um das Austreten von Radioaktivität über den geforderten Zeitraum von einer Million Jahren sicher zu verhindern. Außerdem gibt es Hinweise, dass Grundwasser mit dem Salzstock – und so mit den eingelagerten Abfällen – in Verbindung treten könnte.

Bis 2031 sollte der Standort klar sein

Das 2013 verabschiedete und 2017 novellierte Standortauswahlgesetz schreibt fest, dass der Standort für das Endlager bis 2031 ­gefunden und benannt sein soll. Nach taz-Informationen kursiert zurzeit ein Referentenentwurf für eine neuerliche Novellierung im Bundesumweltministerium, in dem dieses Zieldatum gestrichen ist. Dass die Standortsuche deutlich länger dauert, zeichnet sich allerdings schon länger ab. In mehreren Gutachten und Stellungnahmen ist von einer Entscheidung erst in den 2050er, 2060er oder sogar 2070er Jahren die Rede. Bis ein Endlager nach der Benennung eines Standortes gebaut und befüllt wird, werden weitere Jahrzehnte vergehen.

Mit seinen ungelösten Atommüllproblemen steht Deutschland nicht alleine da. Aktuell gibt es ­weltweit kein in Betrieb be­findliches Endlager für „zivilen“ hochradioaktiven Atommüll. Das einzige betriebene Endlager für hochradioaktive Abfälle ist die unterirdische Waste Isolation Pilot Plant (WIPP) im US-Bundesstaat New Mexico, die jedoch ausschließlich für militärische Abfälle genutzt wird. Allerdings befinden sich mehrere Endlager für den Atommüll aus der „zivilen“ Atomkraftnutzung in Bau- oder Planungsstadien.

Kritik an Mini-AKWs

Fachleute im Bundes­umweltministerium halten sogenannte Mini-Atomkraftwerke für unwirtschaftlich. In einem internen Papier widersprechen sie laut einem Bericht des Senders SWR gegensätzlichen Einschätzungen unter anderem von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Ohne massive staatliche Förderung gebe es für die sogenannten „Small Modular Reactors“ (SMR) auch bisher keinen Markt, denn ein Kostenvorteil durch die „modulare Bauweise“, also industrielle Vorfertigung, würde erst bei einer Massenproduktion greifen. Diese sei derzeit jedoch nicht in Sicht. Wahrscheinlich seien am Ende „die Kosten pro Megawatt Leistung sogar höher“ als bei konventionellen AKWs. (afp)

Wie sieht es woanders aus?

Am weitesten fortgeschritten ist das Endlager im finnischen Onkalo. In der Lagerstätte in knapp 500 Tiefe im Granitgestein läuft bereits seit 2024 der Testbetrieb. Die Einlagerung der ersten abgebrannten Brennstäbe soll voraussichtlich noch in diesem Jahr anlaufen. Das Endlager soll bis in die 2120er Jahre genutzt und dann dauerhaft verschlossen werden.

40 Jahre Tschor­nobyl

Am 26. April 1986 kam es im damals sowje­tischen und heute ukrainischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum ­Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große TeileEuropas. 40 Jahrespäter blickt die taz in einer Themenwoche zurück und nach vorn.

Zheleznogorsk in Sibirien galt lange Zeit als sogenannte „verbotene Stadt“, weil dort mit hoch angereichertem Uran und waffenfähigem Plutonium hantiert worden sein soll. Im Bau ist ein Untergrundlabor, das die Tauglichkeit des umgebenden Gneis-Gesteins für eine spätere Endlagerung von hochradioaktiven Abfällen nachweisen soll.

Noch nicht so weit ist man in Frankreich und der Schweiz. In Frankreich soll das Endlager für hoch- und mittelradioaktive Abfälle bei Bure in der Region Grand Est entstehen. Der Atommüll wird den Plänen zufolge in einer rund 160 Millionen Jahre alten Tonschicht in etwa 500 Metern Tiefe eingelagert werden. Der Baubeginn ist für 2027 oder 2028 geplant.

In der Schweiz hat die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) den Standort nördlich Lägern in den Kantonen Zürich und Aargau nahe der Grenze zu Deutschland für ein kombiniertes Endlager vorgeschlagen. Die Einlagerung von hoch-, mittel- und schwachradioaktiven Abfällen in unterirdischen Tonformationen soll hier frühestens 2050 starten.

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