Eine Exiliranerin in Bremen: "Bis heute fragt die Polizei nach mir"

Gehen oder Bleiben? Trotz der Aufstände hat sie nur wenig Hoffnung auf eine Veränderung im Iran. Sie selbst musste fliehen, weil sie für die Rechte der Frauen kämpfte. Dennoch würde sie sofort zurückkehren.

Seit 13 Jahren ist Bremen für Rohzi Ahmadi eine Heimat auf Abruf. Bild: Alasdair Jarvine

az: Sie mussten vor 13 Jahren den Iran verlassen, weil Sie dort in der Frauenbewegung aktiv waren. Haben Sie Hoffnung geschöpft, als jetzt die Aufstände begannen, Frau Ahmadi?

Rohzi Ahmadi: Nur sehr bedingt. Andere Exiliraner und ich haben aber eine Woche lang jeden Tag einen Infostand vor dem Bahnhof in Bremen gemacht.

Was wollten Sie den Passanten dort mitteilen?

Das Gleiche wie vor der Wahl, als wir zum Wahlboykott aufgerufen haben: Dass keiner der vier Kandidaten eine Option ist.

Warum nicht?

Alle haben dem islamischen Regime gedient. Bis 1988, als Mussawi Premierminister war, wurden viele Tausende Oppositionelle hingerichtet. Die anderen Kandidaten waren Kommandeure der islamischen Revolutionsgarden. Die Frau von Mussawi war in der Zeit nach der islamischen Revolution politisch sehr aktiv und trug die Verabschiedung vieler frauenfeindlicher Gesetze des Khomeini-Regimes mit.

war im Iran in der Frauenbewegung aktiv. Ihr echter Name soll nicht öffentlich werden - sie fürchtet noch immer die Verfolgung durch das islamistische Regime.

Gesetze, die auch die Grundlage Ihrer Verfolgung waren?

Ja. Ich hatte bis Mitte der 1990er Jahre eine Geburtshilfeklinik in einem ländlichen Grenzgebiet zum Irak. Dadurch hatte ich viel Kontakt zu Frauen, die von ihren Männern misshandelt wurden. Politische Organisierung außerhalb des Regimes gab es nur in Form der kurdischen Parteien, doch auch diese wurden von Männern beherrscht. Frauen konnten dort nicht für ihre Rechte sprechen. Das haben wir versucht aufzubrechen. Ich habe Frauen zusammengebracht, damit sie in den Parteien Strukturen aufbauen und sich so gegen die patriarchale Unterdrückung zur Wehr setzen. Außerdem war ich in der kurdischen Freiheitsbewegung aktiv.

Ging das lange gut?

Nein. Es gab gewisse Freiräume, weil die islamische Republik die kurdischen Provinzen nie hundertprozentig unter Kontrolle hatte. Doch eines Abends kam eine Patientin zu mir. Ihr Mann arbeitete beim Geheimdienst. Sie sagte mir, dass ich unter Beobachtung stehe und aufpassen solle. Mein Vater hat früher gegen das Schah-Regime und später gegen Khomeini gekämpft. Insgesamt saß er über sechs Jahre im Gefängnis und hat durch Folter beide Beine verloren. Unter anderem deshalb verließ ich sofort das Land, als diese Warnung kam.

Konnten Sie das denn so einfach?

Ich hatte vorgesorgt und für so einen Fall Geld zur Seite gelegt. Das habe ich genommen und bin zu Fuß in die Türkei aufgebrochen. Für 5.000 Dollar gab mir jemand einen falschen Pass und setzte mich in Adana in ein Flugzeug nach Deutschland. Das Einzige, was ich dabei hatte, war mein Universitätsdiplom.

Wie erging es ihnen in Deutschland?

Nach der Landung in Frankfurt habe ich gleich gesagt, dass der Pass falsch ist, und meine Uniurkunde gezeigt. Drei Tage war ich im Flughafen-Asylverfahren, dann gab man mir ein Zugticket und schickte mich nach Bremen.

Wo Sie bis heute leben …

Ja. Am Anfang war es hier aber schwierig. Ich kam in ein Asylbewerberheim, zusammen mit 13 kurdischen und türkischen Familien. Dort gab es kein Geld für uns, nur Lebensmittel. Die Zustände waren schlecht: acht bis zehn Leute mussten sich ein Zimmer teilen, es gab für 60 Personen zwei Bäder und vier Toiletten.

Das ist in Asylbewerberheimen leider so üblich.

Wir wollten uns damit aber nicht abfinden und haben einen Hungerstreik organisiert. Journalisten sind gekommen, sie haben Interviews mit mir gemacht. Ich habe so ein bisschen Deutsch aus dem Wörterbuch gelernt und den Rest auf Englisch erklärt.

Konnten Sie Ihre Forderungen durchsetzen?

Ja. Nach drei Tagen kam der Innensenator Ralf Borttscheller und erklärte, dass wir in ein anderes Heim verlegt werden. Dort gab es mehr Platz und wir haben dann auch Geld statt gekochtem Essen bekommen, 350 Mark im Monat, immerhin. Und sechs Monate später habe ich eine eigene Wohnung gekriegt.

Wie ist es Ihrer Familie in der Zwischenzeit ergangen?

Fünf Jahre haben wir aus Vorsicht nicht telefoniert. Mein 14-jähriger Bruder wurde verhaftet, zwei Jahre haben sie ihn im Gefängnis behalten - um unsere Familie zu schikanieren und Informationen über mich zu erhalten. Dann haben sie ihn freigelassen. Unser Vater wollte, dass er auch das Land verlässt. Das UN-Flüchtlingskommissariat hat ihn als jugendlichen Flüchtling nach Kanada gebracht. Heute arbeitet er als Medientechniker in Vancouver.

Und Ihre Eltern?

Bis heute kommt die Polizei ab und zu und fragt nach mir. Trotzdem haben wir uns zweimal in der Türkei getroffen. Ansonsten telefonieren wir.

Wird das nicht mehr kontrolliert?

Vermutlich schon, aber wir sprechen da ja nicht über politische Dinge.

In Deutschland befürworten manche Linke einen von den USA herbeigeführten Regimewechsel im Iran, weil so die Frauenunterdrückung überwunden und die Bedrohung Israels enden würde. Andere halten Ahmadinedschad für das kleinere Übel, weil dieser die Unterwerfung des mittleren Ostens durch die USA verhüte. Nehmen Sie solche Kontroversen wahr?

Natürlich. Während unseres Infostandes sind viele Deutsche zu uns gekommen und haben solche Ansichten geäußert. Diese Konfliktlinie beruht aber zum Teil auf einen Irrtum.

Inwiefern?

Die Deutschen glauben, dass Ahmadinedschad aus Überzeugung gegen Israel und die USA ist. Das glaube ich nicht. Es hat strategische Gründe. So schließt er nach innen die Reihen und sichert sich die Unterstützung Russlands, die er braucht, um sich gegen seine Gegner um den Ex-Präsidenten Rafsandschani zu behaupten. Wären die innenpolitischen Vorzeichen anders, sähe auch Ahmadinedschads Außenpolitik anders aus. Er hat außer Machterhalt keine Prinzipien.

Und Sie?

Ich lehne ein islamistisches Regime genauso ab wie ein säkulares, das von den USA eingesetzt wird.

Kommen wir auf Sie zurück. Sie sind mittlerweile deutsche Staatsbürgerin?

Ja. 2001 wurde ich als Asylbewerberin anerkannt und bekam eine Stelle in einem Bremer Krankenhaus. 2006 habe ich mich einbürgern lassen.

Wie leben Sie heute?

Ich habe vor zwei Jahren ein günstiges Haus angeboten bekommen. Es war 39 Jahre alt, die Bausubstanz aber noch wunderbar. Ich habe zwei Hypotheken aufgenommen, es gekauft und darin eine eigene Praxis aufgemacht.

Erfolgreich?

Schon. Die Patientinnen kommen aus allen möglichen Bremer Stadtteilen zu mir, nicht nur wegen meiner Sprachkenntnisse. In Deutschland wird normalerweise viel mit Geräten gemacht. Dort, wo ich gearbeitet habe, ging das nicht, da war der nächste OP und der nächste Chefarzt 100 Kilometer weit weg. Da sammelt man viele Erfahrungen, die auch hier nützlich sind. Sogar Ärztinnen aus meinem alten Krankenhaus rufen mich an.

Trotzdem studieren Sie noch einmal?

Ja, ich promoviere per Fernstudium an der Universität von Glasgow, um einen in Deutschland anerkannten Doktortitel zu bekommen.

Wann sind Sie denn damit fertig?

Das kommt darauf an, wie fleißig ich bin. Vorher muss ich noch die C 1-Englischprüfung machen.

Sie konnten aber schon Englisch?

Mein Studium in Shiraz war überwiegend auf Englisch.

Englische Seminare? Das haben die Mullahs zugelassen?

Ein Relikt aus der Schah-Zeit. Das Khomeini-Regime hat natürlich versucht, dies zu unterbinden, aber die Universität von Shiraz ist ein mächtiges Forschungszentrum, so dass die Mullahs sie schließlich haben gewähren lassen.

Alles klingt, als ob Ihre Integration bestens geglückt sei. Wollen Sie bleiben?

Nein. Ich will da wieder hin und politisch arbeiten, das ist mein Wunsch. Sobald es die Möglichkeit gibt, werde ich das sofort tun. Obwohl ich hier sicher bin und eine gute Arbeit habe, würde ich alles stehen und liegen lassen, wenn die Verhältnisse mir eine Rückkehr erlauben.

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