berliner szenen: Ein perfekt gebautes Vogelnest
Die Sonne brach durch die Äste der gerade verblühten Kirsche im Dahlemer Drosselweg. Lolo blinzelte kurz, ein Geruch streifte seine feine Nase, dann besann er sich und sprang an Monika hoch, die grüne Gummihandschuhe trug und eine japanische Gartenschere in der Hand hielt. Für das Beschneiden der Rosen war es eigentlich zu spät. Wie die Kirsche hatten auch die Forsythien ihre Blüten bereits abgeworfen.
Früher hatte man die Rosen im April geschnitten, heute konnte man das ohne weiteres Anfang März besorgen, Frost gab es in der Regel ohnehin nicht mehr. Als Monika das Beet erreichte, hielt sie inne. Lolo war mit einem Kläffen um die Ecke gebogen, das Zuschlagen der Wagentür konnte Monika nicht hören. Auch wenn sie sich anstrengte, war es kaum mehr als eine Ahnung vom Zuschlagen der Tür, eine minimale Änderung der Druckverhältnisse. Jeden Tag nahm ihr Gehör ab, so wie ihr Augenlicht und ihre Beweglichkeit. Erschreckend, wie der Tod sich anschlich oder vielmehr mit festen Riesenschritten kam.
Sie stand jetzt direkt vor der Forsythie, deren gelbe Blüten sie immer an kleine Schmetterlinge erinnerten, und da entdeckte sie es. Es sah aus, als hätte jemand seine Perücke verloren und der Wind hätte sie in den Strauch getragen. Vorsichtig bog sie die Zweige auseinander – und erstarrte. Das Nest war leer, doch das war es nicht. Was sie augenblicklich verstörte, sodass sie alles andere vergaß – Lolo, die Rosen, den Tod –, war etwas anderes: Vor ihr, zwischen den Zweigen der Forsythie, steckte ein perfekt gebautes Vogelnest, und es bestand zweifellos und ganz und gar aus Monikas leicht gewelltem grauen Haar, das sie regelmäßig aus dem Badezimmerfenster im ersten Stock in den Garten warf, wenn sie ihre Haarbürste reinigte. Sascha Josuweit
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