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Ein Waterloo für den Eurotunnel

Die erste Bilanz nach der Inbetriebnahme weist einen Verlust von über 850 Millionen Mark aus / Ohne frisches Kapital säuft der Tunnel unter dem Ärmelkanal finanziell ab  ■ Aus London Ralf Sotscheck

Aus dem „Jahrhundertprojekt“, wie Margaret Thatcher und François Mitterrand den Tunnel unter dem Ärmelkanal großspurig tauften, droht die größte Pleite der Geschichte zu werden. Neun Jahre nachdem der französische Präsident und die ehemalige britische Premierministerin den Vertrag über den Bau unterzeichneten, hat die Betreiberfirma „Eurotunnel“ gestern die erste Bilanz seit der feierlichen Inbetriebnahme im vergangenen Jahr veröffentlicht. Sie sieht schlecht aus: Wenn nicht ein Wunder geschieht, säuft der Kanaltunnel finanziell ab.

Im vergangenen Finanzjahr, das am Mittwoch ablief, hat Eurotunnel knapp 387 Millionen Pfund Verluste vor Steuern gemacht – das sind rund 855 Millionen Mark. Das Unternehmen sei stark gefährdet, räumten die Vorsitzenden Alastair Morton und Patrick Ponsolle ein. „Eurotunnel könnte von den Schulden erdrückt werden“, schrieben beide in einer Presseerklärung. „Vielleicht wird das Unternehmen im kommenden Finanzjahr Erfolg haben, vielleicht aber auch nicht.“

Es sei allgemein bekannt, daß der Schuldendienst bei acht Milliarden Pfund Verbindlichkeiten eine schwere Bürde sei, fügte Morton hinzu. Man müsse die Einnahmen deshalb „rapide erhöhen“, sagte er. Morton führte die marode Situation zum Teil auf Verspätungen bei der Tunneleröffnung sowie bei der Lieferung der Züge zurück. Bisher fahren täglich nur zwei Züge von London nach Paris und Brüssel, ab Herbst sollen sie aber im Stundentakt verkehren. Außerdem hätten die Reedereien beim Kampf um die Kundschaft ungeahnte Energien entwickelt, und Eurotunnel so manchen Passagier weggeschnappt, sagte Morton. Vor allem die einfache Möglichkeit zum zollfreien Einkauf macht die Reise übers Wasser für viele Leute attraktiv. Die Benutzer von Autoreisezügen können hingegen nur mit einigem Aufwand in Dover billigen Schnaps erstehen. Und wer in Paris oder London einsteigt, muß ganz auf zollfreie Ware verzichten.

Aber auch Eurotunnel selbst ist nicht schuldlos an dem wirtschaftlichen Desaster, gab Morton zu. Die Passagiere mußten bisher so manches Mißgeschick erleben. Einmal kam der Zug in Waterloo nicht vom Fleck, ein anderes Mal ging der Motor auf halber Strecke zwischen Paris und Calais in Flammen auf. Bereits in der Testphase war es zu vier Zwischenfällen gekommen: Unter anderem wurde aus einer Übung plötzlich Ernst, als nach einem Kurzschluß 800 Menschen tatsächlich evakuiert werden mußten. Ein weiteres Mal blieb der Zug in der Grafschaft Kent liegen und mußte abgeschleppt werden.

Die Aktionäre befürchten, daß sie jetzt erneut zur Kasse gebeten werden und 500 Millionen Pfund aufbringen sollen, um Eurotunnel über die Runden zu helfen, bis die Gesellschaft keine Verluste mehr macht. Das werde in drei Jahren der Fall sein, so erwarten die Experten – möglicherweise zu spät für das Unternehmen, sagte Morton. Die Banken haben gestern die Hälfte des vor kurzem ausgehandelten Überziehungskredits in Höhe von 700 Millionen Pfund ab sofort bewilligt. Selbst das Doppelte würde jedoch nicht ausreichen, meinte Morton. „Wir müssen im nächsten Finanzjahr irgendwoher Geld beschaffen, wenn wir überleben wollen“, sagte er.

Die Börse reagierte umgehend auf das betrübliche Bild, das die beiden Vorsitzenden von ihrem Unternehmen malten: Eurotunnels Aktien fielen am Morgen um 33 Pence auf 2,09 Pfund, bevor sie sich mittags bei 2,13 Pfund ein wenig stabilisierten.

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