: Ein Punk für den Urwald
Der Lisztaffe in Kolumbien ist vom Aussterben bedroht. Er braucht den Wald als Lebensraum. Doch dafür braucht es den Menschen. Von der Suche nach einer gemeinsamen Zukunft
Foto: Charlie Cordero
Aus San Juan Nepomuceno Katharina Wojczenko (Text) und Charlie Cordero (Fotos)
Piep. Piep. Wie eine elektronische Wünschelrute sieht das Ortungsgerät aus, das Sergio Canoles in den Händen hält. Piep. Piep. Piep. Das Geräusch klingt wie in einer Krankenhausserie, wenn der Monitor eines sterbenden Patienten Alarm schlägt. Irgendwo im Blätterdach hockt die Gruppe mit dem dominanten Männchen, das den Rucksack mit dem Sender trägt.
Sergio Canoles, 21, ist schlank, trägt Vokuhila unter der Schirmmütze und hat einen sanften Blick. In Wanderschuhen stapft er den Pfad entlang, der sich durch den Waldboden zieht. Immer wieder sucht sein Blick die Baumkronen ab. Mild fällt die Karibiksonne durch das hellgrüne Blätterdach. Die Lücken darin wirken wie kleine Wolken im Himmelgrün. Die Baumstämme im privaten Waldschutzgebiet von San Juan Nepomuceno sind noch schmal. Aus allen Richtungen zwitschert, zirpt und raschelt es.
Canoles schickt einen langgezogenen Pfiff gen Blätterdach. Noch einen. Die Äffchen erkennen längst die Männer von der Stiftung in ihren blauen Oberteilen, sagt er. Sie erkennen ihren Geruch, ihre Gesichter. „Sie sind unglaublich neugierig.“ Sergio kennt die Äffchen mittlerweile ebenso gut, wie sie ihn.
In einem ausgetrockneten Flussbett bleiben wir stehen und warten.
Etwas huscht. Etwas Weißes bewegt sich. Ein Äffchen. Dann noch eins. Aus allen Richtungen rennen sie dem ersten hinterher, direkt auf uns zu. Sie springen von Ast zu Ast, kreuz und quer, etwa 10 bis 15 Meter über dem Waldboden. Auf dem Rücken eines Affen hängt kein Peilsender, sondern ein Junges. Tayrona, das dominante Weibchen, hat vor knapp zwei Wochen Zwillinge geboren. Der Affe läuft quer über einen Ast – und hops! Das Baby wechselt von seinem Rücken auf den eines anderen Affen, der es weiterträgt.
Das Äffchen, um das es hier geht, hat einen kaffeebraunen Rücken mit rötlichen Einsprengseln, einen ebensolchen Schwanz, weiße Beine und Bauch. Es wiegt maximal ein halbes Kilo. Sein Gesicht ist klein und schwarz, mit einer Art weißen Monobraue und schwarzen Öhrchen, die an Teufelshörner erinnern.
Das alles umrahmt eine weiße Haarpracht, die weit durchs Blätterdach leuchtet.
Ihr verdankt Saguinus oedipus seinen deutschen Namen: Lisztaffe, nach dem österreichisch-ungarischen Komponisten Franz Liszt. Der trug im hohen Alter einen ähnlichen schlohweißen Schopf – wenngleich nicht so exzentrisch toupiert. Wenn er wütend ist, stellt der Lisztaffe die Mähne auf. Extrem wütend wird er, wenn man ihm die Zunge entgegenstreckt. Auf Spanisch heißt das Äffchen Mono Tití cabeciblanco. Weißkopfäffchen. Für die Einheimischen kurz: tití.
Diese Gruppe dort oben besteht aus drei Erwachsenen, zwei Jungtieren, zwei Babies. Alle da, stellt Sergio Canoles zufrieden fest. Jedes Tier zählt. Denn viele gibt es nicht mehr.
Neuer Präsident
Am Freitag ist Kolumbiens neuer Staatschef Abelardo de la Espriella vereidigt worden. Der 48-Jährige ist für seine harte Rhetorik bekannt. In seiner Antrittsrede in Cali, der drittgrößten Stadt des Landes, versprach er, den „Drogenterrorismus und alle kriminellen Organisationen unermüdlich bekämpfen“ zu wollen. Die Friedensgespräche mit bewaffneten Gruppen will er beenden. Vor Hunderten Uniformierten stellte er Mitgliedern illegaler Banden vor die Wahl, sich dem Gesetz zu „unterwerfen“ oder sich mit der „entschlossenen Härte des Staates“ zu konfrontieren. Der neue Präsident, den seine Anhänger „Tiger“ nennen, kündigte unter anderem Luftangriffe auf Lager bewaffneter Gruppen an. Außerdem will er Mega-Gefängnisse bauen sowie militärisch enger mit den USA und Israel zusammenarbeiten.
Neue Gewalt
Einen Tag nach der Vereidigung verübten Täter an verschiedenen Orten des Landes zwei Bombenanschläge, wie die Armee mitteilte. Für einen der Anschläge machte das Militär abtrünnige Guerillakämpfer verantwortlich. Nach Angaben der Armee wurde mindestens ein Polizist getötet. Weitere Menschen wurden verletzt. Die Armee erklärte, abtrünnige Farc-Guerillakämpfer hätten am Samstagmorgen eine Mautstelle nahe Cali im Südwesten des Landes mit Sprengstoff zerstört. Zwei Sicherheitskräfte seien leicht verletzt worden. Etwa 1.000 Kilometer weiter nördlich tötete ein weiterer Bombenanschlag im Departement Cesar einen Beamten. Dort traf eine mit Sprengstoff beladene Drohne eine Polizeistation, wie Behördenvertreter mitteilten. Wer hinter dem Anschlag steckt, war zunächst unklar. Präsident de la Espriella drohte anschließend: „Es wird keinen Zufluchtsort, keine Nachsicht und keine Straffreiheit geben.“ (taz)
Franz Liszt ist 140 Jahre tot. Auch sein Namensvetter könnte bald aussterben. Es gibt nach jüngster Zählung nur noch 7.000. Sie leben einzig an der kolumbianischen Karibikküste. Etwa 130 von ihnen sollen in dem privaten Schutzgebiet in San Juan Nepomuceno zu Hause sein.
Der Lebensraum des Tieres, der tropische Trockenwald, ist ebenfalls extrem bedroht. Von Kolumbiens ursprünglichem tropischem Trockenwald sind gerade einmal acht Prozent übrig – und nur die Hälfte davon ist noch unberührter Primärwald. Der Rest wurde für Holz und Rinderzucht gerodet, fiel dem wuchernden Wachstum der Karibiksiedlungen und dem Straßenbau zum Opfer. Und der Mensch rückte den Äffchen persönlich zu Leibe. In den 60er und 70er Jahren dienten sie in den USA für medizinische Laborexperimente. Bis heute werden sie illegal gefangen und als Haustiere gehalten oder verkauft.
Doch ehemalige Holzfäller, Bauern, Umweltschützer:innen und Biolog:innen arbeiten gemeinsam daran, den Tití zu retten. Seit mehr als 30 Jahren ist die Stiftung Projekt Tití in der Karibikregion aktiv. Gegründet hat sie die US-amerikanische Biologin Anne Savage, die heute Co-Direktorin des binationalen Projekts ist.
An der Uni kam sie im Labor erstmals in Kontakt mit Saguinus oedipus – und träumte von einem Schutzprogramm. Es war Faszination auf den ersten Blick, sagte sie mal in einem Interview „Sie waren so winzig wie ein Eichhörnchen und äußerst lautstark. Ihr Zwitschern und Pfeifen klang wie das von Vögeln. Und doch sind sie Primaten! Und die weiße Haarpracht auf ihrem Kopf hat mich einfach begeistert.“ Beeindruckt habe sie auch das Sozialverhalten: „Es war so interessant zu beobachten, wie die Tiere ihre Paarbindung aufrechterhielten und wie alle Familienmitglieder an der Aufzucht der in den Gruppen geborenen Jungtiere beteiligt waren.“
Mittlerweile hat das Projekt drei Standorte in der kolumbianischen Karibik, die alle an staatliche Schutzgebiete angrenzen. Hier in San Juan Nepomuceno hat das Projekt 2015 auf gekauftem Land ein privates Waldschutzgebiet geschaffen. Es grenzt an den Nationalpark Los Colorados. Über die Jahre ist das private Schutzgebiet auf 900 Hektar gewachsen und damit fast so groß wie der Nationalpark. „Wir haben als Kern den Nationalpark, unser privates Schutzgebiet als Puffer – und dann die Nachbarn und Bauern, die heute unsere besten Verbündeten sind“, sagt Rosamia Guillén, Direktorin des kolumbianischen Teils des Projekts.
Seit zwei Jahren arbeitet Sergio Canoles für die Stiftung. Seinen Praxisteil der Ausbildung zum Verwalter von Agrarbetrieben absolvierte er dort – und fing dabei Feuer. Statt wie viele andere in der Gegend danach auf einer Rinderfarm zu arbeiten, widmet er sich nun dem Gegenteil. „Das Praktikum hat meine Perspektive verändert und ich habe mich verliebt. Der Wald ist etwas Wunderbares. Viele Menschen haben ihn zerstört. Viele Junge wollen nicht mehr zurück zum Wald. Aber mir gefällt die Arbeit hier und ich lerne wahnsinnig viel.“ Über Tití, andere Tiere, den Wald.
Er stammt aus dem Dorf El Carmen del Bolívar, ganz in der Nähe. Den Tití sah er zum ersten Mal auf der Finca seines Großvaters, als er etwa zehn Jahre alt war. Sein Großvater ließ am Rand des Bachlaufs Wald stehen, um das Wasser zu schützen, erzählt er. Dort lebte auch der Affe.
Heute dokumentiert er den Tití im Zweierteam. Auf seinem Handy hat er eine App. Mit ihr protokolliert er in Echtzeit, was die Affen tun: Wer hält Wache? Was fressen sie? Wo schlafen sie? Wohin bewegen sie sich? Wer trägt die Jungen? Einer beobachtet, der andere notiert. Alles dient der Forschung.
Foto: Charlie Cordero
„Die Familie ist für den Tití das Wichtigste“, hat er gelernt. Das verbindet ihn mit dem Äffchen. „Das ist so eine edle und schöne Art! Wir Menschen vernichten sie. Dabei sind sie für die Menschheit so wichtig. Diese kleinen Affen verteilen Samen, sie bestäuben. So pflanzen sie den Wald, den wir Menschen fürs Wasser so dringend brauchen.“
Doch dafür braucht es die richtige Vegetation. Der tropische Trockenwald heißt so, weil es hier zwei Regenzeiten und lange Trockenperioden gibt. Gerade ist Regenzeit, aber seit Tagen ist es staubtrocken und heiß.
Seit 4 Uhr morgens sind die Arbeiter in den Bergen von San Juan auf den Beinen. Mittlerweile ist es 11 Uhr und die Sonne brennt heftig.
Mit Maultieren tragen sie die Körbe mit den Setzlingen von der Gärtnerei den Berg hoch. 9.000 Pflänzchen stehen nun bereit, unter dem einzigen passablen Schattenbaum weit und breit. Dann geht es einen fürs ungeübte Auge unsichtbaren Pfad bergab.
Dieser Artikel wurde möglich durch finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e. V. taz.de/auslandsrecherche
Ein halbes Dutzend Arbeiter schuftet dort in der Hitze. Biologe Marcelo Ortega leitet sie an. Sie arbeiten entlang einer Linie am Rand einiger Bäume. Auf der angrenzenden, ehemaligen Viehweide wuchert Brachiaria-Gras, eine invasive Futterpflanze aus Afrika. Einheimische Gräser haben gegen sie keine Chance. Nur verbotenes Gift oder die Machete können sie stoppen. Oder der Schatten von Bäumen, die hier noch fehlen.
Passives Aufforsten, also einfach abwarten und wachsen lassen, reicht nicht, erklärt Marcelo Ortega, der Leiter des Projekts. Zum einen dauert es zu lange für die Affen, denn in jeder Gruppe bekommt nur das dominante Weibchen einmal im Jahr Zwillinge. Zum anderen würden sich die falschen Arten ausbreiten, wie das afrikanische Futtergras. „Wir reichern stattdessen den Wald mit einheimischen Arten an.“ Das Ziel für 2026: 50.000 neue Bäumchen pflanzen.
Machete raus, Unkraut wegschlagen, Loch ausstechen, Hydrogel rein, damit das Bäumchen einen feuchten Start hat. Setzling mit Substrat aus der Plastiktüte einsetzen, festdrücken. Edwin Enrique Castro, 27 Jahre alt, macht das routiniert. Schweiß glänzt auf seinem Gesicht. Er gehört zu den Erfahrenen im Team. Sein ganzes Leben hat er in San Juan verbracht, heute mit Frau und zwei kleinen Kindern. Aufgewachsen ist er auf der elterlichen Finca in den Bergen, jetzt studiert er Agroforstwirtschaft im Fernstudium. „Ich will Landwirtschaft und Wald verbinden, ohne dem Wald zu schaden“, sagt er leise. Er liebt die Ruhe und Schönheit des Bauernhofs.
Sein Vater ist Mitglied beim Schutzprogramm von Projekt Tití. Auf einem Hektar seiner zehn Hektar großen Finca hat er wieder aufgeforstet – auch mit Setzlingen des Projekts. Seit zwei Jahren kommen Lisztäffchen immer wieder auf die neuen Bäume. Das freut den Vater. Auch die Dorfbewohner haben sich verändert: Statt Steine zu werfen, zücken sie heute ihre Handys, wenn sie die Äffchen sehen. Die pädagogische Arbeit und die Unterstützung der Nachbarschaft durch Projekt Tití zeigen Wirkung. Frauen, die früher Äffchen verkauften, nähen und verkaufen jetzt handgemachte Tití-Puppen aus Stoff.
Edwin Enrique Castro, Mitarbeiter beim Projekt Tití
Im Dorf prangen Wandmalereien mit Tití-Motiven, dazu Schilder und T-Shirts mit Aufschriften wie „Titís sind keine Haustiere“ oder „Ich bin Freund des Lisztaffens“. Auf manchen trägt das Äffchen das lokalpatriotische Qualitätssiegel: „100 Prozent kolumbianisch“. In den Schulen gibt es Tití-Unterricht mit Theaterstücken, Basteln und Spielen. Die Einheimischen fangen kaum noch Titís, berichten Mitarbeiter der taz.
Man kann es so zusammenfassen: Am Affen lässt sich ablesen, wie es um den Wald steht. Und um die Menschen, die von ihm leben.
Hier in den Bergen wächst ein ausgeklügelter Pflanzenmix, der genau zum Standort passt. Meistens überleben 80 Prozent der Setzlinge. Das verdanken sie vor allem der Arbeit von Luis Carlos González und seinem Team in der Gärtnerei. Die Setzlinge stammen aus eigener Zucht. Die Mitarbeiter, die im Wald den Titís folgen, notieren genau, welche Pflanzen die Affen nutzen. So wissen ihre Kollegen später, welche Samen sie sammeln müssen. Am Boden hält sich das Äffchen selten auf – dort lauern zu viele Gefahren. Lieber klettert es auf Bäume wie die Ceibas, deren Stacheln es vor Feinden schützen, die nicht hinterherkommen: Schlangen, Sperber, Fuchs, Ozelot, Langschwanzkatze und Puma. Auf anderen Bäumen nascht es Nektar und Harz, auf dem es morgens herumkaut als wäre es Kaugummi. Wieder andere nutzt es, um Spinnen, Grillen, Eidechseneier und kleine Schnecken zu finden.
Foto: Charlie Cordero
In der Gärtnerei mischen sie die Pflanzerde aus schwarzer Erde, Reishülsen, Kompost, Kuhdung und Asche von Bauernfamilien in der Gegend, die noch mit Holz kochen. Obendrauf ins Beet kommt Sand, damit sich die Pflänzchen leicht herausziehen lassen, erklärt Luis Carlos González. Er ist 42, stammt aus San Juan – und will dort auch niemals weg, sagt er. Dort lebt er mit seiner Partnerin, die Kinder arbeiten und studieren in der Stadt. Seit acht Jahren ist er beim Projekt, immer schon in der Gärtnerei.
Früher war er Bauer, wie sein Vater. „Ich bin in den Bergen aufgewachsen und harte Arbeit gewohnt.“ Sie pflanzten Yamswuzeln, Maniok, Kochbanane, Avocado und hielten ein paar Kühe – typisch für die Region. Dafür rodeten sie ein Stück Land, etwa 50 Quadratmeter. „Bäume, die 15, 20 Jahre gewachsen waren … für eine Maniokpflanze, die sieben Monate lang lebt“, sagt er. „Aber damals sahen wir das anders. Wir mussten überleben.“ Heute lebt er vom Gegenteil: Er zieht die Grundlage des künftigen Walds heran.
Der verschmitzte Schnauzbartträger ist eine kreative Allzweckwaffe in der Gärtnerei. Als er anfing, war dort, wo heute die Gärtnerei im Schatten junger Bäume liegt, nur karges Weideland. Mit Eisenstangen, Draht und Schattennetzen legte er die ersten Beete an.
Foto: Charlie Cordero
In seiner Freizeit schweißt er, erzählt er. Damit unterstützt er seinen Vater, der ein Kleinunternehmen für Metallstühle besitzt. Er hat das Haus für den Kompost gebaut. Er hat sich die Titípostes ausgedacht: die Pfosten aus recycleten Pflanzpflastiktüten, aus denen die Zäune und Hochbeete gebaut sind. Dort misst er mit Maßband und kräftigen Händen sorgfältig, wie hoch die Pflänzchen mittlerweile sind.
Lagerräume und eine gekühlte Saatgutbank gibt es heute auch. Dort lagert der Schatz: Etwa 100 Baumsamenarten, die sie hier in mühsamer Kleinarbeit hochzüchten bis zum Setzling. Mehr als 120 Pflanzenarten kennt er dank seiner Arbeit, sagt González. Sein Lieblingsbaum ist der Carreto (Aspidosperma polyneuron): „Mit ihm identifiziere ich mich. Ein starker Baum, den so gut wie nichts umwerfen kann.“
„Hier in der Gegend war es immer schon hart“, sagt Luis Carlos González. „Es gibt wenig Arbeit, die meisten sind Tagelöhner und gehen in die Berge für den Tag oder eine Woche.“ Da sind die festen Arbeitsplätze und Saisonarbeiten des Projekts Tití gefragt, das sich vor allem mit internationalen Spendengeldern und Förderungen, viel davon aus den USA, finanziert. „Eines Tages werden meine Kinder und ihre Kinder sehen, woran ich mitgearbeitet habe.“ Wenn der Wald gewachsen ist, nach etwa 15, 20 Jahren.
Foto: Charlie Cordero
Das Lisztäffchen hat sich an die veränderten Bedingungen angepasst. Mittlerweile ist es auch im hohen Sekundärwald zu finden. Mit dem wachsenden Wald kehrt nicht nur das Äffchen zurück, sondern auch andere Tiere und Pflanzen. Vor Kurzem ging ihnen weit oben in den Bergen ein Puma in die Fotofalle. Auch der vom Aussterben bedrohte Blaulappenhokko (Crax alberti) wird dort inzwischen wieder gesichtet. Das langfristige Ziel: Korridore schaffen, über die sich Tiere und Pflanzen ausbreiten können.
Tatsächlich geht es um ein ganzes Ökosystem. Der kleine Affe mit der Punk-Frisur steht dafür als Symbol.
Foto: Charlie Cordero
Kolumbien ist das vogelartenreichste Land der Welt, allein 240 Vogelarten sind im tropischen Trockenwald beheimatet. Auch mindestens 50 Säugetierarten leben hier. Die Gegend war lange Opfer des bewaffneten Konflikts zwischen Farc-Guerilla, Paramilitärs und staatlichen Sicherheitskräften, der auch an der Karibikküste wütete. Forscher:innen konnten nicht hinein. Deswegen werden hier noch viele unentdeckte Arten vermutet.
Die Mehrheit des Projektteams sind wie der Tití Vertriebene. Sie flohen vor dem Krieg in den Montes de María nach San Juan. Einigen blieb nichts anderes übrig, als Holz zu schlagen und zu verkaufen, um zu überleben. So ist die Geschichte des Waldes auch eine Geschichte der Menschen hier: Wer keine andere Möglichkeit hat, muss von dem leben, was der Wald hergibt. Wer eine andere Perspektive bekommt, kann anfangen, ihn zu schützen.
Auch der Affe bekam den Krieg zu spüren. Das Sondergericht für den Frieden (JEP) führt ihn in einer gemeinsam mit der Universität von Essex verfassten Studie als eine von 44 Arten, die wegen des bewaffneten Konflikts vom Aussterben bedroht sind. Als Hauptschuldigen nennt der Bericht die Farc-Guerilla. Aber es gab auch Jäger, die Affen fingen, Muttertiere töteten, um die Jungen zu verkaufen, erzählt Luis Carlos González. Er habe das vor rund 25 Jahre selbst mitansehen müssen. Auch die Stiftung musste vor Jahren ihren ersten Sitz in den Montes de María aufgeben. Heute ist er wieder in Betrieb.
Foto: Charlie Cordero
Aber die Situation an der Karibikküste kann kippen. „Der bewaffnete Konflikt ist nie von hier weg. Es gibt Zeiten, da ist es ruhig. Und dann kocht es wieder hoch“, sagt Luis Carlos González.
Am Freitag hat der neue ultrarechte Präsident Abelardo de la Espriella sein Amt angetreten. Sicherheitspolitik mit harter Hand ist sein Hauptthema. Der „totale Frieden“ mit den verbliebenen bewaffneten Gruppen, den sich der linke Präsident Gustavo Petro auf die Fahne geschrieben hatte, ist gescheitert. Umweltschutz spielte im Wahlkampf keine Rolle. De la Espriella will Fracking erlauben und die artenreiche Orinoco-Region zum „kolumbianischen Mato Grosso“ ausbauen.
Foto: Charlie Cordero
Die Direktorin des Tití-Projekts will abwarten. Der neue Umweltminister Fabio Arjona komme aus der Karibik und habe jahrzehntelange Erfahrung im Umweltschutz. Wenn de la Espriella die bewaffneten Gruppen bekämpfe, könnte das gut für den Umweltschutz und den Lisztaffen sein, meint Rosamira Guillén. Denn bewaffnete Gruppen nutzen auch Nationalparks für ihre Geschäfte. Sie schaffen dort Drogenkorridore, bedrohen Ranger und treiben Abholzung, Rinderzucht, Kokaanbau und illegalen Bergbau voran. Damit wird der Kampf gegen die bewaffneten Gruppen auch zum Kampf um den Wald.
Die Gärtnerei hat sich für den Verkauf von Pflanzen und Bäumen zertifizieren lassen. Bauern, die beim Kooperationsprogramm mitmachen, sollen künftig im Gegenzug auch Obstbäume für ihre Fincas bekommen. Geld gibt es bewusst keines. Stattdessen unterstützt das Projekt die Bauern ganz konkret: mit Solarpaneelen für Strom, Regentonnen und Pumpen für die Wasserversorgung, Zäunen zum Schutz der Hühner vor der zurückgekehrten Fauna und Bienenstöcken für die Imkerei. Auch Maultiere und Arbeitskraft mietet das Projekt von den Bauern.
Mittlerweile melden sich manche Bauern von alleine, weil sie Teil des Kooperationsprogramm werden wollen – sie haben dann gesehen, dass die Kühe des Nachbarn dicker sind dank der Zusammenarbeit mit dem Projekt. Und sie schlagen Alarm, wenn Unbekannte in den Wald kommen und womöglich jagen wollen.
„In unserem Land entstehen Umweltschäden, weil die Grundbedürfnisse der Menschen nicht befriedigt sind“, sagt Direktorin Rosamira Guillén. „Wenn du aber die Gemeinschaften unterstützt, ihre sozioökonomischen Probleme zu lösen, sind die Menschen deine besten Verbündeten.“ Katharina Wojczenko
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