Ein Ort der 1.000 Möglichkeiten: Die Bibliothek als Zukunftslabor
Von VR-Brille bis 3D-Drucker: In fast allen Berliner Bibliotheken gibt es einen Maker-Space, in dem sich Menschen digitale Welten erschließen können.
Ein Achtjähriger hat eine klobige Box vor die Augen geschnallt und fuchtelt mit zwei Plastikringen in der Luft herum: Die Virtual-Reality-Brille versetzt ihn auf einen Tennisplatz. Ein Mädchen lenkt mit einem Tablet einen aus vier Kugeln bestehenden Dash-Roboter durch den Raum, mehrere Kindergruppen und einige Männer hocken vor Laptops.
Für die Jüngeren liegt ein großer Haufen Legosteine auf einem Tisch. Der fünfjährige Jakob steuert sofort darauf zu und fängt an, ein langgestrecktes Auto mit Anhänger daraus zu bauen. „Ich finde es cool, dass ich jetzt nicht auf einem Spielplatz rumhängen muss“, sagt sein Vater. Außerdem lerne sein Sohn hier, dass man nicht alles selbst haben muss, sondern vieles auch teilen kann.
Jeden Freitagnachmittag ist der Maker-Space in der Pablo-Neruda-Bibliothek in Friedrichshain geöffnet – ein Magnet für Grundschulkinder und ihre Eltern. „Wir haben keine Computerspiele zu Hause, aber hier ist ein guter Raum dafür“, findet die Mutter eines Achtjährigen. Für sie sind Bibliotheken ein wichtiger Teil der Infrastruktur – offene Orte für die Nachbarschaft in einer immer stärker kommerzialisierten Stadt. Sie selbst leihe häufig Bücher aus. „Und durch solche Angebote stärken Bibliotheken ihre Daseinsberechtigung weiter“, findet sie.
Besucherin
Genau das war die Motivation, als Berlin vor etwa zehn Jahren einen Ideenwettbewerb zum Aufbau von Maker-Spaces ausrief. „Früher hatten öffentliche Bibliotheken die Aufgabe, Leseförderung zu betreiben. Heute geht es auch um Medien- und Technikkompetenz“, sagt Projektleiter Moritz Mutter.
Digital und praxisnah
In fast allen 80 Berliner Bibliotheken gibt es inzwischen größere oder kleinere Angebote. Die Grundidee dabei ist immer: digital und praxisnah. Vor allem Kinder und Jugendliche sollen lernen zu programmieren – und das auf spielerische Weise.
Das muss nicht immer am Bildschirm geschehen. In der Pablo-Neruda-Bibliothek liegen Papier und Stifte bereit, um selbst eine Carrera-Bahn für einen eierbechergroßen Roboter zu malen. Der fährt auf einer schwarzen Linie und lässt sich mithilfe von Querstrichen in bestimmten Farbkombinationen steuern: links- oder rechts abbiegen, beschleunigen oder rückwärts fahren. Gerade muss der Miniroboter aufladen, aber ein Papierstapel belegt, dass hier schon viele Kinder am Werk waren.
Hinter der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) am Halleschen Tor in Kreuzberg steht seit zwei Jahren ein 800 Quadratmeter großes Pop-up-Gebäude – ein Platz für Begegnungen, Lernen und Demokratie. Am Nachmittag ist es voll hier: In den großen und kleinen Arbeitsräumen treffen sich vor allem Schülergruppen, es gibt Whiteboards, Schreibtische und gepolsterte Sitzgruppen.
Auch die Medienwerkstatt ist hier untergebracht. Fünf Frauen sind heute zur Infoveranstaltung gekommen. Eine überlegt, ihr Studium mit einem Dokumentarfilm abzuschließen, eine andere ist freie Journalistin und will mit Videos und Podcasts experimentieren.
Für zehn Euro im Jahr
Die Werkstattverantwortliche Jana Viehweger erklärt ihnen, dass alle, die einen Bibliotheksausweis für 10 Euro im Jahr besitzen, hier hochwertige Kameras und Aufnahmegeräte ausleihen können. Auch ein Laptop mit Schnittprogrammen und anderer Software steht zur Verfügung. Wer ein vierstündiges Zeitfenster reserviert hat, bekommt die bestellten Gerätschaften ausgehändigt und kann den kleinen, kahlen Raum dann in ein Bild- oder Tonstudio verwandeln.
Ob es auch Unterstützung gibt, wenn man mit der Technik nicht klarkommt, will eine wissen. Helfer im Alltag gäbe es nicht, aber ab und zu finden Workshops statt, erklärt Viehweger. „Und vieles kann man ja auch über Youtube-Videos lernen.“
Vorne im Hauptgebäude zwischen all den Büchern gibt es ein Regal für die Bibliothek der Dinge. Hier findet sich eine bunte Mischung von Gegenständen, die die meisten Menschen nur gelegentlich oder sogar nur einmal benötigen. Neben einer Wasserwaage und einem Mikroskop findet sich dort eine Diskokugel sowie ein Set, um den Energieverbrauch von Haushaltsgeräten zu kontrollieren. Auch Tischtennisschläger, Näh- und Bohrmaschinen sind im Angebot – alles gut in stabilen, durchsichtigen Plastiktaschen verpackt. Ein solches Angebot gibt es inzwischen in vielen öffentlichen Bibliotheken Berlins. Die Leihfrist beträgt zwei Wochen.
Einer der Gewinner bei der ersten Ideenrunde für Maker-Spaces war die Anna-Seghers-Bibliothek in Lichtenberg. Dort hatte die Medienpädagogin Corinna Eckert die Idee, digitale Angebote zur Oberflächenveredelung der Allgemeinheit zugänglich zu machen. In einem Glaskasten im ersten Stock gibt es hochwertige Maschinen zum Gravieren, Lasern und Sticken. Auch ein 3D-Drucker und ein Plotter zum Schneiden von Folien und Papier stehen bereit.
Sweatshirt mit Glitzer-Buchstaben
Jeden Dienstag und Donnerstag zeigt Medienpädagogin Eckert Neulingen, wie die Maschinen digital anzusteuern und zu bedienen sind. Wer volljährig ist und eine Einführung bekommen hat, kann die entsprechenden Geräte auch zu anderen Zeiten nutzen.
Gabi Kohlisch wohnt um die Ecke und kommt seit vier Jahren häufig her. Gerade hat sie ein Sweatshirt mit Glitzer-Buchstaben bedruckt, in denen Katzen herumturnen. Auf ihrem Smartphone zeigt sie ihre Werke der letzten Zeit, unter anderem ein Adventskalenderhäuschen aus Sperrholz, Weihnachtskarten und eine schwarze Vase mit goldener Schrift.
Auch Liane Kes zählt zu den regelmäßigen Besucherinnen. Sie hat aus vielen Stoffkreisen eine Tasche zusammengenäht und arbeitet gerade an einer aufwändigen Stick-Applikation. Oft kämen auch junge Männer von der TU, die dort Oberflächendesign studieren, berichtet Eckert.
Regelmäßig bietet sie Workshops an, bei denen die Teilnehmenden niedliche Monster aus Stoff oder bewegliche Figuren mithilfe des 3D-Druckers produzieren – nicht nur für sich selbst. Von der kollektiv hergestellten Babykleidung ging auch ein großer Karton an die Entbindungsstation in Lichtenberg. Hier sind alle per Du – man hilft sich gegenseitig. „Und natürlich wird auch viel geschnattert und gefachsimpelt“, so Eckert.
Und so ist auch dieser Maker-Space ein Ort, wo sich Menschen verschiedener Generationen und Herkünfte begegnen, sich im analogen Raum zusammen digitale Welten erschließen und gemeinsam Spaß haben. „Mit den vielfältigen Angeboten ist Berlin deutschlandweit inzwischen ziemlich vorneweg“, bilanziert Projektleiter Moritz Mutter zufrieden.
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