: Ein „Farbiger“ fand Asyl in Kirche
■ Verfolgt und vom „Abbeizen“ bedroht / Kämpferischer Superintendent
Erwin Gerlach, Superintendent der evangelischen Kirche, fand kämpferische Worte. Den Weihnachtsspruch „Friede auf Erden“ dürfe man nicht nur predigen, befand er gestern in der Charlottenburger Kirche am Lietzensee, man müsse ihn zugunsten der Verfolgten, der Ausländer und Asylsuchenden „auf der Straße“ umsetzen. Zur Not sei er auch bereit, lächelte der alte Mann mit der Pfeife im Mund, sich vor diese Kirche zu setzen. Denn dort hat ein bedrängter Farbiger Asyl gefunden.
Es handelt sich um einen – Konzertflügel. Der stehe hier „stellvertretend für Menschen“, so der Pfarrer der Gemeinde, Tido Janssen. Das edle Stück ist nämlich ein Kunstwerk, internationale KünstlerInnen haben es farbenfroh bemalt. Sein bisheriges Klavierleben hätte kaum abenteuerlicher sein können: PianistInnen bespielten es unter anderem während der Großdemonstration gegen Ausländerhaß im Berliner Lustgarten, in der Halbzeitpause eines Europapokalspiels im Dortmunder Westfalenstadion, auf der Istanbuler Bosporusbrücke sowie tausend Meter unter der Erde im Uranbergwerk Wismut. Initiator dieses Gesamtkunstwerks unter dem Namen „Orchester der Kulturen“ ist der Charlottenburger Konzeptkünstler Justus Blumenstein. Ihm hatte die Firma Bechstein das Instrument seit 1991 kostenlos zur Verfügung gestellt. Doch vor etwa einem halben Jahr wechselte die Leitung in der PR-Abteilung des Unternehmens. Bechstein forderte Justus Blumenstein plötzlich auf, das Klavier für 48.000 Mark bis zum Jahresende zu kaufen, andernfalls werde es auseinandergebaut, abgebeizt und verkauft. Sein Projekt sei für die Firma nicht mehr besonders interessant, brachte man dem Künstler nahe. Denn in der Türkei, wo das „Orchester der Kulturen“ bekannter ist als hier, verkaufe man keine Flügel. So schnell aber kann der Konzeptkünstler die geforderte Summe nicht aufbringen. So lange, bis das Geld durch Spenden zusammengekommen ist, hat das „Orchester der Kulturen“ deshalb Kirchenasyl gefunden – beschützt vom Superintendenten, verschiedenen Pfarrern, Kultursenator Ulrich Roloff-Momin, den Internationalen Ärzten zur Verhütung des Atomkriegs, der Charlottenburger Bürgermeisterin Monika Wissel und ihrer Ausländerbeauftragten Azize Tank. Wie schön der Flügel klingt, demonstrierte gestern der 25jährige türkische Komponist und Pianist Fazil Say. Auch das nächste ungewöhnliche Konzert steht schon fest: auf dem Dach des Reichstags. Zum Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus, am 8. Mai 1995, soll das Instrument dort als Symbol des Hinausdenkens über Deutschland in einem „Philosophischen Kolloquium zur Zärtlichkeit der Völker“ zum Einsatz kommen. Ute Scheub
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