Editorial: 800 Mal gegen Stuttgart 21
Von unserer Redaktion↓
Klimakatastrophe und auch sonst allerorten Krisen, Veränderungen wären dringend nötig – aber nichts tut sich. Aus fürs Verbrenner-Aus, Heizungsgesetz gekippt, Solar-Förderung auf der Kippe. „Wenn das die Politik nicht schafft und das der Markt nicht schafft, dann muss es die Gesellschaft schaffen“, sang oder eher rappte dazu schon vor einigen Jahren der Künstler Thomas Pigor, bekannt als eine Hälfte des Duos Pigor & Eichhorn. Die Gesellschaft habe es immerhin schon geschafft, „dass heute kaum noch jemand Pelzmäntel trägt“ oder „dass man in der Öffentlichkeit seine Kinder nicht mehr schlägt“. Und so plädiert Pigor für das Mittel der sozialen Ächtung: „Iiiiih ein SUV“, heißt sein Videoclip, der 2020 auf der – wegen Corona damals virtuellen – 516. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 lief. Dass zivilgesellschaftliches Engagement eines ziemlich langen Atems bedarf, zeigt nicht nur die Tatsache, dass heute noch mehr SUVs als damals die Straßen bevölkern, sondern auch, dass kommende Woche, am 30. März, die 800. Montagsdemo in Stuttgart ansteht.
Als am 26. Oktober 2009, einem Montag, zwei Frauen und ein Mann auf dem Rathausplatz standen, ahnten sie vermutlich nicht, dass sie damit eine so langlebige Protestbewegung initiieren würden. Und dass 16 Jahre und fünf Monate später immer noch demonstriert werden würde. Und dass, wenn Stuttgart 21 tatsächlich frühestens 2030 fertig wird, in jenem Jahr vermutlich auch die 1.000. Montagsdemo stattfinden wird.
Doch erst einmal soll Nummer 800 gefeiert werden. Am kommenden Montag werden ab 18 Uhr der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim, die Nachhaltigkeitsforscherin Katharina Keil und der Sprachkünstler Timo Brunke auf der Bühne am Rande des Schlossplatzes stehen, ehe sie sich im Anschluss bei einer Podiumsdiskussion im Württembergischen Kunstverein austauschen. Demorednerin Keil hat übrigens zur ökologischen Transformation des Automobilsektors ihre Doktorarbeit geschrieben, ein Thema, zu dem es in Baden-Württemberg seit Jahren einen Strategiedialog mit Arbeitnehmer:innen, -gebern und Politik gibt. Auch die IG Metall sitzt drin, und deren Bezirksleiterin Barbara Resch sagt aktuell gegenüber Kontext: “Eine klare Strategie, wie mit der aktuellen Situation umgegangen werden soll, fehlt.” Verwunderlich? Keil betonte schon 2023 in einem Interview, dass es wichtig sei, auf gewerkschaftlicher Ebene Wege auszuloten, auf Produktionsentscheidungen Einfluss zu nehmen – etwa in Richtung mehr E-Mobilität –, und dass sich „Verbündete für dieses Unterfangen (...) vielleicht nicht in der Chefetage, dafür aber umso stärker in der Zivilgesellschaft“ finden. Ganz im Sinne Pigors.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen