Editorial: Hermann hilft
Von unserer Redaktion
Offenbar ist dieser Mensch eine Projektionsfläche für alle, die alles, was nicht in ihre Ideologie passt, als ideologisch bezeichnen. Kritik an Stuttgart 21 (Fortschritt) ist Maschinenstürmerei, am Auto (Freiheit) ist Zwang, am Frieden (netter Traum) ist intellektuelle Traurigkeit. Winfried Hermann, 72, Grüner und seit 2011 Verkehrsminister in Baden-Württemberg, ist die ideale Figur dafür.
In diesen Tagen hat er wieder Konjunktur – und dennoch ist es anders. Die „Stuttgarter Zeitung“ (StZ) titelt nach seiner Ankündigung, zur Wahl 2026 nicht mehr anzutreten: „Ein grüner Minister, der sich treu blieb“. Die „Süddeutsche Zeitung“ sieht in ihm einen, „der den Pazifismus nicht aufgeben“ und seine Partei „an ihre Wurzeln zurückführen“ will. Die taz lässt ihn in einem langen Interview sagen: „Es braucht Friedensgespräche“. Das sind moderate Töne, im Vergleich zu den Schmäh-Etiketten, die ihm, gerne auch in der eigenen Partei, angeheftet wurden. Selbstgerechter Lump, Putin-Freund, Vaterlandsverräter eben. Nicht zu vergessen den Auto-Hasser.
Woher kommt die plötzliche Wertschätzung? Neu ist Hermanns Botschaft nun wirklich nicht. An dieser Stelle lohnt ein Blick in die Texte von StZ-Autor Reiner Ruf. Er registriert ein Befremden über den „nahezu vollständigen Ausfall“ einer argumentativen Auseinandersetzung darüber, wie mit dem Krieg in der Ukraine umzugehen ist. Wer auf politischer Ebene das Wort Verhandlungen nur in den Mund nimmt, kritisiert Ruf, „wird medial niederkartätscht“. Das sagt auch Hermann. Hinzu tritt bei dem Journalisten ein zunehmendes Gefühl persönlicher Bedrohung im Alltag, etwa durch „panzeraffine Fahrzeuge“, vulgo SUV. Das könnte auch Hermann unterschreiben. Für einen Beschäftigten bei einer Waffen- und Auto-orientierten Zeitung sind das bemerkenswerte öffentliche Aussagen. Andere tragen sie nur heimlich mit sich herum.
Hier kann einer wie Hermann helfen. Als Therapie gegen latentes Verzweifeltsein, als Beispiel, wie es gehen kann, wenn man sich traut und trotzdem überlebt. Der linke Grüne teilt das Leiden an den Verhältnissen, lässt es aber nicht beim Mitleiden bewenden, sondern handelt nach Überzeugungen, die nicht beliebig verhandelbar sind. Das Friedensgebot im Grundgesetz ist das eine. Der Kampf ums Klima ist das andere (Den Fall Stuttgart 21 sowie weitere realpolitische Anpassungen klammern wir hier mal aus). So ist es doch tröstlich zu wissen, dass das Stehen für etwas, das Verlässliche und das Beharrliche jetzt eine Schlagzeile wert ist.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen