EM-Abschied in Nordmazedonien: Eine fast unschuldige Liebe

Im nordmazedonischen Skopje feiert man den EM-Auftritt der Nationalspieler trotz der drei Niederlagen – weil man einfach Spaß an ihrem Fußball hat.

Jubelnde mazedonische Fans auf der Straße

Außenseiter, na und? Nordmazedonische Fans feiern in der Altstadt von Bukarest so oder so Foto: Andreea Alexandru/ap

Wenn Nordmazedonien eines beherrscht, dann Lässigkeit. Wenige Stunden vor dem letzten EM-Spiel des schon ausgeschiedenen Teams ist rein gar nichts los am zentralen Platz in Skopje. Der gigantische Alexander der Große bäumt sich einsam samt Gaul, unter ihm hat das Fernsehen ein kleines Fußballtor aufbauen lassen, das von einem Nordmazedonien-Maskottchen mit Entenkopf gehütet wird. Ein paar Kinder hocken in der schwülen Hitze drum herum. Ein Vater schießt erbarmungslos drauf, während die bemitleidenswerte Ente hierhin und dorthin stolpert im Versuch, einen Ball zu halten.

Die besorgte Frage, ob denn wirklich Fans zum Public Viewing kommen werden, beantwortet der Kellner der benachbarten Kneipe gut gelaunt: „Wie immer. Die haben alle reserviert.“ Und tatsächlich: Kurz vor Spielbeginn tauchen die Fans auf, eher dezent denn nationalistisch, die Hymne wird nur verschämt grinsend mitgesungen. Ein Käsehersteller drückt jedem, der sich nicht wehrt, eine Nationalflagge in die Hand. Dann geht es los.

Dass Nordmazedonien bei dieser EM enttäuscht hätte, kann man trotz der null Punkte kaum behaupten. Das Team, dessen ganzer Kader 61 Millionen Euro wert ist, ein Zehntel von dem der Niederländer, hatte bestenfalls Außenseiterchancen. Was erwartet man sich also als Nordmazedonier von der EM? „Wir sind froh, dabei zu sein“, erwidert der Kellner recht unbekümmert. „Jeder Punkt ist gut.“ Er habe natürlich schon irgendwie gehofft, die Gruppenphase zu überstehen. „Aber wir sind nicht enttäuscht.“ Ein Gesprächspartner am Vortag bringt es so auf den Punkt: „Offiziell hat niemand etwas erwartet. Aber nach zwei Niederlagen waren die Leute schon ein bisschen enttäuscht. Ich habe ihnen gesagt: Was habt ihr denn geglaubt, was passiert?“

Falls es Trauer gab, ist sie nun wieder der Feierlichkeit gewichen. Überwiegend junge Leute, Frauen wie Männer, haben sich versammelt, allesamt bestens gelaunt. Der Kellner ist überzeugt, ein Sieg heute sei möglich. Auf die Nachfrage, ob das nicht ein bisschen optimistisch sei, grinst er breit die deutsche Reporterin an: „Wieso? Das ging gegen Deutschland ja auch.“

Bejubelte Tacklings

Und für zwanzig Minuten sieht es tatsächlich so aus, als könne sich der Traum erfüllen. Die Nordmazedonier sehen gar nicht ein, sich nur im Strafraum zu verschanzen, und kontern gefährlich. Jedes erfolgreiche Tackling, jeder Angriff über die Mittellinie wird in der Bar bejubelt, als wär’s ein Treffer. In der neunten Minute reißt es die Gäste ungläubig von den Stühlen, als Ivan Trickovski tatsächlich die Führung für Nordmazedonien erzielt, aus dem Abseits allerdings. Und zehn Minuten später ist der Außenseiter noch einmal im Pech, als Aleksandar Traj­kovski nur den Pfosten trifft. So hätte alles anders kommen können und kommt dann doch wie erwartet: Die Niederländer werden stärker, die Nordmazedonier an den eigenen Strafraum gefesselt, am Ende steht es 3:0 durch Depay und Doppelpack von Wijnaldum.

Das Publikum trägt es mit Nachsicht. „Wir sind alle so stolz auf die Jungs“, erklärt eine junge Frau im Pandev-Trikot. Normalerweise schaue sie keinen Fußball, jetzt aber schon. „Niemand hier hat irgendwas erwartet, wir freuen uns einfach.“ Ein junger Mann, der sich als Barça-Fan zu erkennen gibt, erklärt, er habe schon darauf gehofft, dass sie zumindest einen Punkt mitnehmen. „Aber sie haben sich toll geschlagen.“

In Skopje nimmt man die EM wie Union Berlin die Conference League, gefeiert wird immer. Das urbane Publikum, samt und sonders mit perfektem Englisch, gibt gern Auskunft, und erzählt gleich noch über Lebensträume. Ein Student erzählt in hervorragendem Deutsch, er wolle unbedingt in Deutschland leben, er nehme Privatunterricht. Sein Sitznachbar von der türkischen Minderheit berichtet, wie er für beide Nationalteams schreit. „Das gibt mir Gänsehaut.“ Es ist eine fast unschuldige Liebe zum Fußball.

Und während der große Na­tio­nalheld Goran Pandev bei diesem Spiel seinen Abschied feiert und unter Tränen die Fußballbühne verlässt, ruhen die Hoffnungen für die Zukunft vor allem auf Eljif Elmas, dem erst 21-Jährigen vom SSC Neapel. In fünf Jahren werde der ein ganz Großer sein, ist sich der Kellner sicher. „Dieses Team hat eine große Zukunft.“ Sein nächster Traum: sich für die WM zu qualifizieren. Die WM in Katar als Sehnsuchtsort, auch das gibt es.

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