Drohungen gegen den Süden: Nordkorea kämpft mit Verbalattacken

Kim Jong Ils Drohungen werden in Peking und Seoul ernst genommen. Doch vor allem sollen sie die Aufmerksamkeit der USA erregen. Nordkorea braucht dringend Wirtschaftshilfe.

Allzeit bereit: Kim Jong Il (beiger Anorak in der Mitte) und ein Teil seiner Truppe. Bild: dpa

PEKING taz In Ostasien wächst die Sorge, dass Nordkoreas "Lieber Führer" Kim Jong Il mit einer neuen, gefährlichen Aktion die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft auf sich lenken will: Am Wochenende drohte seine Armee damit, Südkorea "auszulöschen". Der dortige Präsident Lee Myun Bak sei ein "Kriegshetzer". Er habe Kriegsschiffe in nordkoreanische Gewässer geschickt.

Die Warnung wurde von einem hohen Offizier in voller Armeeuniform ausgestoßen und im staatlichen Fernsehen des kommunistischen Landes ausgestrahlt. Experten halten dies für ungewöhnlich. Seoul setzte seine Armee deshalb an der scharf bewachten Grenze am 38. Breitengrad in erhöhte Alarmbereitschaft.

Zugleich bekräftigte Nordkorea, dass es seine Atomwaffen nicht aufgeben will. Pjöngjangs Militärs besitzen rund 30,8 Kilogramm waffenfähiges Plutonium - genug für vier oder fünf Atomsprengköpfe. Das berichtete der amerikanische Nordkoreaexperte Selig Harrison am Samstag nach seiner Rückkehr aus Pjöngjang vor Journalisten in Peking. Diese Waffen seien nötig, um eine "nukleare Abschreckung" aufzubauen, habe es in Nordkorea geheißen.

Die Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea sind derzeit so schlecht wie seit Jahren nicht. Pjöngjang ist zutiefst darüber verärgert, dass Südkoreas Staatschef Lee weniger Hilfslieferungen als sonst in den Norden schicken ließ. Außerdem erlaubte er es südkoreanischen Aktivisten, Luftballons mit tausenden Flugblättern in den Norden zu schicken. Darin informierten sie die abgeschotteten Landsleute über Spekulationen über Kim Jong Ils vielleicht angeschlagene Gesundheit - ein absolutes Tabuthema in Nordkorea - und über die schweren wirtschaftlichen Probleme des Landes.

Überdies schwelt ein Konflikt wegen der umstrittenen Grenzlinie im Meer vor der Westküste der koreanischen Halbinsel, wo sich Fischerboote und die Kriegsmarine beider Länder gegenseitig belauern. 1999 und 2002 war es bereits zu Feuergefechten gekommen.

Es ist aber nicht auszuschließen, dass der Adressat von Nordkoreas jüngsten Drohungen weniger die südkoreanischen Landsleute sind als der neue amerikanische Präsident Barack Obama. "Kim und seine Generäle wollen Obama zwingen, Korea ganz oben auf ihre Tagesordnung zu setzen und mit den Nordkoreanern zu verhandeln", sagen langjährige Beobachter in Peking und Seoul. "Und dafür sind sie womöglich auch bereit, Dummheiten zu machen." Denn Kim wünsche sich nichts sehnlicher als die Anerkennung seines Regimes durch die USA und einen Friedensvertrag, der den Koreakrieg von 1950-53 formal beendet. Dies würde es den nordkoreanischen Militärs ermöglichen, sich vor der eigenen Bevölkerung als "Sieger" über die Supermacht USA feiern zu lassen. Außerdem erhofft sich das Regime Wirtschaftshilfen der USA.

Nordkoreas Politiker bauen offenbar darauf, dass sie mit ihrer konfrontativen Art auch bei der neuen US-Regierung erfolgreich sind. Der gerade ins Amt gekommene US-Präsident Barack Obama hat schon ein Team von Nordkoreaexperten um sich versammelt. Er wolle möglichst schnell mit den Nordkoreanern über die atomare Abrüstung der koreanischen Halbinsel verhandeln, heißt es in Washington.

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