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Dreiteilung bei Tiktok

Die Video-Plattform ist dabei, ihr US-Geschäft abzuspalten. Beruhigend ist das nicht. Die Auswirkungen könnten bis nach Europa reichen

Larry Ellison (r.), Gründer des Unternehmens Oracle, ist einer der reichsten Menschen der Welt und zudem Vertrauter von Trump Foto: Carlos Barria/reuters

Von Svenja Bergt

Am 22. Januar soll es so weit sein: Dann soll das US-Geschäft der Videoplattform Tiktok von ihrem chinesischen Mutterkonzern Bytedance abgespalten werden und an ein Joint Venture von US-Unternehmen übergehen. Neben Finanzfirmen aus den USA und Abu-Dhabi wird Medienberichten zufolge in der Unternehmenskooperation ein Trump-naher Akteur eine zentrale Rolle spielen, der schon in den vergangenen Jahren immer wieder politisch mitmischte: der IT-Konzern Oracle.

„Mit dem durch Oracle geführten Konsortium übernehmen weitere Trump-nahe Kreise die letzte nicht Trump-nahe digitale Öffentlichkeit und können damit künftig Diskurse und Meinungen steuern“, ordnet der Netzexperte Markus Beckedahl vom Zentrum für Digitalrechte den Deal ein.

Die Übernahme geht zurück auf eine Initiative aus der Amtszeit von Trumps Vorgänger Joe Biden. Dessen Regierung sah in der populären App des chinesischen Eigentümers eine Gefahr für die nationale Sicherheit – und wollte sie aus den USA verbannt wissen. Tiktok ist eine der populärsten Apps vor allem bei jungen Menschen: Inhalte, Tanzbewegungen oder Memes, die in den Kurzvideos viral gehen, erreichen ein Millionenpublikum. Für Europa meldete die Plattform im September 200 Millionen monatlich aktive Nutzer:innen, weltweit wird die Zahl auf rund 1,6 Milliarden geschätzt.

Die Plattform befindet sich in den Händen des chinesischen Konzerns Bytedance. Trotz dessen gegenteiliger Beteuerungen reißen die Vermutungen nicht ab, dass die chinesische Regierung zum einen an Daten von Nut­ze­r:in­nen auch aus Europa und den USA kommt – und zum anderen auch Einfluss auf die Inhalte nimmt. Indizien dazu gibt es immer wieder. So legen Ergebnisse von For­sche­r:in­nen nahe, dass der Tiktok-Algorithmus unter anderem Beiträge, in denen es um Hongkong, Taiwan und die Uiguren geht, shadowranked. Shadowranking bedeutet, dass ein Algorithmus Inhalte heruntergewichtet und damit ihre Reichweite begrenzt. Ob so etwas jedoch auf direkten Einfluss der chinesischen Regierung zurückgeht, ist unklar.

Die Drohung: Sperrung oder Verkaufs

Die US-Regierung stellte den Eigentümer vor die Alternative: Sperrung der App innerhalb der USA oder Verkauf an US-Investor:innen. Nach diversen Fristverlängerungen des aktuellen US-Präsidenten Trump, der offensichtlich das populistische Potenzial von Tiktok nicht missen wollte, kommt es nun zur Übernahme. Unklar ist allerdings der Kaufpreis: Im September hatte US-Vizepräsident J. D. Vance den Wert des US-Geschäfts von Tiktok auf ungefähr 14 Milliarden Dollar beziffert.

Der IT-Konzern Oracle galt dabei früh als potenzieller Beteiligter an einem Kauf. Larry Ellison, Gründer des Unternehmens, ist einer der reichsten Menschen der Welt. Laut der Milliardärsliste der Finanzagentur Bloomberg beziffert sich sein Vermögen auf rund 250 Milliarden US-Dollar. Ellison ist zudem Vertrauter von Trump. Und die Familie ist ein Schwergewicht, was Investitionen und Kontrolle im Mediensektor angeht: Erst im August hatte Ellisons Sohn David den Hollywood-Konzern Paramount übernommen und mit seinem Konzern Skydance fusioniert. Zu Paramount gehört unter anderem der Fernsehsender CBS, der oft zur Zielscheibe von Trump wurde – und dessen Nachrichtenreaktion kurz nach der Übernahme umgebaut wurde.

Andere Tech-Konzerne mit Lautsprecherfunktion sind schon auf Trump-Linie: Die Plattform X mit Eigentümer Elon Musk ohnehin, und auch Meta-Chef Mark Zuckerberg zeigt sich seit Trumps erneutem Amtsantritt loyal. Mit Tiktoks US-Sparte kommt nun eine weitere große Plattform unter US-Einfluss und rückt gleich in Trumps Nähe. Die demokratische Senatorin Elisabeth Warren kritisierte nach der Vereinbarung: „Trump will seinen Milliardärs-Kumpeln noch mehr Kontrolle darüber geben, was ihr seht.“

„Wenn das so zustande kommt, dann erleben wir eine digitale Gleichschaltung in den USA“, sagt auch Digitalexperte Beckedahl. Es sei eine ähnliche Entwicklung, wie man sie auch in Ungarn oder Russland schon gesehen habe: „Regierungsnahe Oligarchen übernehmen wichtige Medien, um eine regierungsfreundliche Öffentlichkeit zu schaffen.“Beckedahl geht davon aus, dass sich Tiktok in die gleiche Richtung entwickeln wird wie Twitter, heute X, nach der Übernahme durch Elon Musk: eine massive und schnelle Wendung nach rechts: „Man hat entscheidende Stellschrauben für eine Manipulation der Öffentlichkeit zur Verfügung, und diese Akteure werden sie garantiert nutzen.“ Eine Entwicklung, die auch bleibe, wenn Trump weg sei.

Und in Europa?

Für europäische Nut­ze­r:in­nen wird der Abschluss der Übernahme voraussichtlich lautlos vonstattengehen – zunächst. Bislang gibt es zwei Versionen von Tiktok: eine für China und eine für den Rest der Welt. Nun werden es drei: USA, China und der Rest der Welt. Da die Version für Europa unverändert in der Hand von Bytedance bleibt, wird sich für hiesige Nut­ze­r:in­nen erst einmal wenig ändern.

Das könnte aber anders werden, wenn Tiktok in den USA einen neuen oder zumindest veränderten Algorithmus bekommt. Der ist das Herzstück der Plattform und entscheidend dafür, welche Videos Nut­ze­r:in­nen angezeigt bekommen. Und für die Trump-Regierung wird der Algorithmus die maßgebliche Stellschraube sein, um seine politischen Interessen zu verbreiten. Schon jetzt bevorzugt der Algorithmus, wie bei vielen großen Social-Media-Diensten üblich, polarisierende und schnell konsumierbare Inhalte. Also genau solche, die Trump und seine Politik bieten – und die über Tiktok ein großes und junges Publikum erreichen.

Offen ist noch, wie die Schnittstellen von der US-Version zum Rest-der-Welt-Tiktok aussehen werden und wie sich das auf die Funktionalität für europäische Nut­ze­r:in­nen auswirken wird. Zum Beispiel, wenn hiesige Nutzende Videos von US-amerikanischen Crea­to­r:in­nen liken oder mit ihnen interagieren wollen.

Angesichts der großen Abhängigkeit Europas von US-Plattformen fordert Beckedahl eine konsequente Durchsetzung der Regeln für die Plattformregulierung. Und gleichzeitig eine politische Strategie dafür, Alternativen zu schaffen, um die Abhängigkeiten zu reduzieren.Svenja Bergt

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