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Dorf mit Zukunft

Wie sich Spora im Süden Sachsen-Anhalts gegen den Untergang stemmt und damit einen Wettbewerb gewann

Aus Spora Birger Stepputis (Text und Fotos)

Die Straße nach Spora im Süden von Sachsen-Anhalt ist gesäumt von Birnbäumen. In der Ferne erheben sich die beiden Kühltürme eines Braunkohlekraftwerks, und irgendwann kommt die imposante Fachwerkkirche von Spora in den Blick.

Ein Feld weiter liegt Nißma, eines der Dörfer, die zu Spora gehören. Katharina Oswald, die Ortsbürgermeisterin von Spora, wartet an einer Kräuterspirale vor dem Jugendklub. Das Ehrenamt hat sie seit 2020 inne, als Politikerin sieht sie aber nicht: „Ich liebe einfach meine Heimat und habe Lust, hier mit anderen Menschen was zu bewegen“, sagt sie. Sie sei jetzt 40 und habe noch nie woanders gewohnt.

Die ehemalige Schule, in der der Nißmaer Jugendklub seit 30 Jahren sitzt, ist grau verputzt, hier und da bricht der Backstein durch. Auch die ältere Generation nutzt diesen Ort, etwa zum abendlichen Kartenspiel. Eine Dorfkneipe gibt es nicht, das Lokal Cuba Caliente in Spora wird nur für Feiern oder Tanzkurse geöffnet. Auch ein Supermarkt fehlt, in Spora gibt es immerhin eine Bäckerei, die auch noch Lebensmittel verkauft.

Das ist die Lage, dennoch gelang es Oswald und der Dorfgemeinschaft 2024 im zweiten Versuch, den Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ auf Kreis­ebene zu gewinnen. 2025 folgte Gold auf Landesebene.

Für die nächste Stufe, den Bundeswettbewerb, ist Oswald bei dem Treffen im Jugendklub skeptisch, ob sie etwa gegen ein finanziell reich gesegnetes bayrisches Dorf eine Chance haben würden. Erklärtes Ziel ist darum erst mal Silber.

Die Ausgangslage sei allerdings „ausdrücklich zu berücksichtigen“, heißt es im Aufruf des ausrichtenden Landwirtschaftsministeriums, es gehe vor allem um Fortschritte in der Dorfentwicklung und das Engagement vor Ort.

Und Fortschritte konnten ja schon gezeigt werden: etwa der neue Sagenweg, drei lokalen Sagen nachempfundene Stationen aus Holz. Oder das vor zwei Jahren sanierte Gemeindezen­trum, dessen künstlerisch gestaltete Fassade von Weitem ins Auge fällt und wo es einen „Meckerkasten“ für die Dorfbewohner gibt.

„Auch mit den Menschen konnten wir punkten, weil die alle Lust haben, was zu machen und das auch gerne zeigen“, sagt Ortsbürgermeisterin Oswald. Mittlerweile nutzten viele Leute im Dorf ihre Talente und ihre Freizeit für die Gemeinschaft. Es habe sich vieles zum Positiven gewandelt.

Vor dem Jugendklub stoßen derweil weitere Menschen dazu, darunter der Ortschronist Kevin Hüfner, der eng mit Oswald zusammenarbeitet. Mit einem Augenzwinkern tadelt sie ihn, dass er ein Bier trinkt, obwohl gerade die Presse da ist. Das war Hüfner offensichtlich nicht bewusst, er ist aber gleich bereit, am Gespräch teilzunehmen.

Hüfner berichtget: Die heutige Gemeinde Elsteraue, zu der Spora und seine Ortsteile gehören, hatte 1964 eine Bevölkerung von mehr als 16.000 Menschen. 1990 waren es bereits 5.000 weniger, seitdem verlor die Gemeinde noch einmal 28 Prozent ihrer Einwohner. In den 70ern musste die Gegend das Ende des Braunkohleabbaus verkraften, später kamen der demografische Wandel und der Wegzug in den Westen oder in die Städte dazu.

Sie wollten dem Teufelskreis aus Abwanderung und Überalterung und dem daraus resultierenden Wegbrechen von Infrastruktur und Angeboten entkommen, sagt Ortschronist Hüfner. „Wir sind hier geboren, wir wollen hier alt werden und wir werden da oben auch unter die Erde gehen.“ Er zeigt zur Nißmaer Kirche auf der anderen Straßenseite. Das sei der Antrieb, es sich und jenen, die danach kommen, schön zu machen.

„Wenn wir es nicht versuchen, dann haben wir schon verloren. Dann haben wir diesen Teufelskreis akzeptiert.“ Deswegen seien sie ins Ehrenamt gegangen: „Es funktioniert nur, wenn du selbst etwas für die Gemeinschaft gibst.“

Die Möglichkeiten sind allerdings begrenzt, denn wie in so vielen Kommunen fehlen die Mittel: Die Gemeinde kann sich Investitionen über ihre Pflichtaufgaben hinaus kaum leisten. Die kommunalen Haushalte seien nicht in der Lage, sich angemessen selbst zu verwalten, meint Kevin Hüfner. „Ich bin aber überzeugt: Es gibt kein Geldproblem, sondern ein Verteilungsproblem.“

Wetten, die Demokratie gewinnt?

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie unter taz.de/ltw26

„Wir könnten jetzt sagen: Alles ist scheiße, Bundesregierung ist Mist“, sagt Hüfner. „Aber wir sind den anderen Weg gegangen.“ Nämlich gemeinsam Lösungen zu suchen und zu machen, was möglich ist. Bei der Renovierung des Jugendklubs etwa: „Die Gemeinde hat die Materialien gestellt und wir haben es in Arbeitsleistung umgesetzt.“

Für viele Vorhaben müsse man allerdings auf verschiedene Fördertöpfe zurückgreifen, eine Praxis, die Ortsbürgermeisterin und Ortschronist kritisch sehen. Bei den Anträgen müsse jedes Wort stimmen, sagt Oswald: „Es ist für mich schwer nachvollziehbar, dass ich Projekte in Spora einem Fördermittelgeber irgendwo in Berlin erklären muss.“

Hüfner sieht das ähnlich: „Ich würde lieber mit Projektideen zu direkten Ansprechpartnern gehen, die sehen, was in ihren Dörfern und Kleinstädten passiert. Die nah am Bürger sind.“

Hier kommt die AfD ins Spiel, die bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ein Rekordergebnis einzufahren droht. Wenn es in den Kommunen keine Spielräume gibt und die Leute denken, das Steuergeld kommt nicht bei ihnen an, dann profitiere die AfD, meint Hüfner. Denn dadurch seien die Menschen empfänglicher für die Erzählung, die Gelder gingen überwiegend ins Ausland oder kämen nur Bürgergeldempfängern oder Flüchtlingen zugute.

Gleichzeitig gebe es in jeder Kleinstadt ein Büro der AfD. Sie seien vor Ort, bürgernah. „Die etablierten Parteien dürfen nicht nur vor der Wahl mal hier vorbeischauen, sondern müssen echte Ansprechpartner sein“, meint der Ortschronist.

Über ihre AfD-wählenden Nachbarn sagt Kartharina Oswald: „Wir kennen diese Menschen. Die sind nicht böse oder auf den Kopf gefallen.“ Überwiegend hätten sie schlicht von den etablierten Parteien „die Nase voll“. Eigentlich fehle eine demokratische Alternative zur Alternative, findet Oswald. Hüfner sagt: „Für uns ist der Demokratiegedanke immer im Vordergrund, das sich Einbringen und das gemeinschaftliche Entscheiden.“

Die fünfzehnjährigen Zwillinge Emma und Frieda Stephan sitzen auf den Tischtennisplatten hinter dem Jugendklub. Sie sind bereits die zweite Generation der für zwei Jahre gewählten Kinder- und Jugendbürgermeister von Spora. Das Ehrenamt hat Katharina Oswald zu Coronazeiten eingeführt, um junge Blickwinkel stärker einzubinden. „Wir haben dann einige Preise gewonnen und die Kinder konnten entscheiden, wofür wir die Preisgelder ausgeben.“ Emma und Frieda haben außerdem ein Kochbuchprojekt gestartet: Es geht darum, die Rezepte der Alten im Dorf zu bewahren und der jungen Generation zur Verfügung zu stellen.

Kevin Hüfner sagt, gerade weil die Gemeinschaft immer älter werde, müsse es heute darum gehen, die Frage nach einem lebenswerten Dorf mit den jungen Menschen direkt zu verhandeln. „Wie willst du die hier halten, wenn sie nicht gehört werden?“

Einige Wochen nach dem Treffen hat Spora beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ Gold auf Bundesebene gewonnen – als eine von acht Ortschaften in Deutschland. Die Siegerehrung im Januar ist bei der Grünen Woche in Berlin, eine Delegation aus Spora wird hinreisen.

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