Direktkandidaten zur Bundestagswahl: Duelle mit offenem Ausgang

In vier von zwölf Wahlkreisen Berlins wird es spannend, weil die Wahl des Direktkandidaten beim letzten Mal ganz knapp war. Jetzt liegt meist die CDU vorne. Ströbele und Gysi haben ihre Wahlkreise dagegen so gut wie sicher.

Wird wohl weiter für Friedrichshain-Kreuzberg im Bundestag sitzen: Hans-Christian Ströbele, hier auf der Hanfparade 2007 Bild: Sebastian Heiser

Wortgefechte statt Parolen, Direktmandate statt Parteilisten: Das ist der Unterschied zwischen der Europawahl mit ihrer schwachen Beteiligung und der Bundestagswahl Ende September. Wenn man genau hinschaut, wird es aber nur in vier der zwölf Berliner Wahlkreise wirklich spannend werden. In den anderen ist der Ausgang weitgehend vorhersehbar: Dort lagen 2005 über zehn Prozentpunkte zwischen Siegerin oder Sieger und den Nächstplatzierten. Eng war es nur in Neukölln, Reinickendorf, Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg. In allen vieren liegt laut Internetportal election.de aktuell die CDU vorn, die 2005 nur einen Wahlkreis gewann.

Das knappste Ergebnis gab es bei der letzten Bundestagswahl in Steglitz-Zehlendorf. Klaus Uwe Benneter, in diesem Jahr wieder SPD-Kandidat, war damals Generalsekretär der Sozialdemokraten. Aber auch das half ihm nicht gegen den vormaligen Landesparlamentarier Karl-Georg Wellmann (CDU), der schließlich 1,3 Prozentpunkte oder rund 2.300 Stimmen vor ihm lag. Beide treten erneut gegeneinander an.

Der Sieg in Zehlendorf blieb 2005 der einzige CDU-Erfolg. In Tempelhof-Schöneberg war es zwar ebenfall knapp, aber am Ende lag SPD-Frauenpolitikerin Mechthild Rawert vorn. Für einen erneuten SPD-Erfolg spricht, dass anders als bei den beiden vergangenen Wahlen für die CDU nicht der Bundestagsabgeordnete Peter Rzepka, sondern der vergleichweise unbekannte Jan-Marco Luczak antritt.

Nicht ganz so eng war es vor vier Jahren in Reinickendorf. Trotzdem muss die SPD um ihr Direktmandat bangen. Denn Detlef Dzembritzki, früher Bezirksbürgermeister, tritt nach zwei Wahlsiegen nicht mehr an. Und der neue SPD-Kandidat Jörg Stroeter ist ein Hinterbänkler im Abgeordnetenhaus.

Sein Gegenkandidat Frank Steffel hingegen, der Dzembritzki 2005 mit weniger als fünf Prozentpunkten unterlag, ist als früherer CDU-Fraktionschef stadtweit bekannt. Außerdem ist er im Bezirk als Chef der Reinickendorfer Füchse mit ihren Bundesliga-Handballern extrem gut vernetzt. Steffel zieht auch bei einer Niederlage vom Abgeordnetenhaus in den Bundestag um, weil er auf der CDU-Landesliste einen sicheren Platz hat. Gleiches gilt für Stefanie Vogelsang, die jüngst abgewählte Ex-Gesundheitsstadträtin von Neukölln.

Auch dort steht ein Sieg der Sozialdemokraten auf der Kippe. Seit 1998 hatte dort zwar stets SPD-Mann Ditmar Staffelt gewonnen. Zum einen aber war sein Vorsprung nie übermäßig groß - 2005 waren es weniger als drei Prozentpunkte. Zum anderen büßt die SPD dieses Mal den Bonus des Amtsinhabers ein, weil Staffelt schon zu Jahresbeginn den Bundestag verlassen hat. Der neue Kandidat Fritz Felgentreu ist zwar als SPD-Fraktionsvize im Abgeordnetenhaus und Führungsfigur des konservativen Parteiflügels kein Unbekannter. Ob er von Vogelsangs demütigender Abwahl als Stadträtin aber profitieren wird, bleibt abzuwarten.

Möglich ist auch, dass die CDU-Frau als Mobbing-Opfer wahrgenommen wird und aus Solidarität zusätzliche Stimmen kassiert. Privat sind die Familien Felgentreu und Vogelsang seit gemeinsamen Zeiten in Eltern-Kind-Gruppen-Zeiten ganz gut miteinander bekannt. Im Wahlkampf aber, sagt Felgentreu, "liegt das erstmal auf Eis".

Ströbele und Gysi haben ihre Wahlkreise recht sicher

Prominent besetzt und im Rampenlicht sind die Wahlkreise Treptow-Köpenick und Friedrichshain Kreuzberg. In ersterem fordert SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel die Linken-Größe Gregor Gysi heraus. In Zweiterem will Hans-Christian Ströbele zum dritten Mal das bundesweit einzige Grünen-Direktmandat im Bundestag erringen.

Es klingt wie das Pfeifen im dunklen Wald, als müsse er sich selbst Mut machen, wenn Wasserhövel von realistischen Chancen spricht, in den Bundestag zu kommen. Die SPD hat zwar im Wahlkreis Treptow-Köpenick eine strukturelle Mehrheit und lag bei der Abgeordnetenhauswahl 2006 deutlich vor der Linkspartei. Das alles aber nutzte bei der vergangenen Bundestagswahl nichts gegen Gysis Beliebtheit. Der Fraktionschef der Linkspartei gewann den Wahlkreis aus dem Stand mit über 7 Prozentpunkten Vorsprung vor dem SPD-Mann Siegfried Scheffler.

Der hatte zuvor seit 1990 durchweg gesiegt, viermal in Folge. Scheffler war zwar nicht gerade ein Strahlemann und natürlicher Sympathieträger, kannte aber im Wahlkreis alles und jeden. Wasserhövel hingegen ist zwar die rechte Hand von SPD-Chef Franz Müntefering, aber neu in Treptow-Köpenick und folglich ohne Verwurzelung.

Aber auch ohne ultimative Spannung wird der Zweikampf Gysi-Wasserhövel das Spitzenduell des Berliner Bundestagswahlkampfs sein. Während andere Kandidaten Kritik an ihren Parteien mit dem Hinweis ausweichen können, das hätten doch ihre Chefs entschieden, müssen Gysi und Wasserhövel als Parteivordere für alles den Kopf hinhalten.

Ähnlich prominent geht es in Friedrichshain-Kreuzberg zu. Hans-Christian Ströbele gewann hier 2005 mit über 23 Prozentpunkten Vorsprung. Dabei holte er mehr Stimmen als die Zweit- und Drittplatzierten von SPD und Linkspartei zusammen. Als Staffage für seine dritte Direktwahl dienen der Sprecher der SPD-Linken Björn Böhning, die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld (CDU), die Vizebundesvorsitzende der Linkspartei Halina Wawzyniak und der FDP-Landeschef Markus Löning. Wawzyniak kündigte zwar jüngst an, sie werde Ströbele in Rente schicken. Aber für Rente mit 67 ist es für eh zu spät: Ströbele wurde kürzlich 70.

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