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Die vier Reittherapeuten der Apokalypse

Mit Hilfe eines US-Milliardärs hat der Antichrist ein beeindruckendes Comeback hingelegt – in Lüdenscheid

Foto: Zeichnung: Holger Weyrauch

Von Christian Bartel

Der Antichrist sieht müde aus, aber er lächelt, als er uns Kaffee einschenkt. „Das Abendland geht nicht von alleine unter, auch wenn manche Herrschaften das glauben“, seufzt der Widersacher der Menschheit. „Das Ausbringen der bösen Saat ist Handarbeit.“

Und so quält sich die steinalte Entität jeden Morgen zum Klang der ersten Posaune aus dem Bett, das überraschenderweise in Lüdenscheid steht. Doch der Antichrist wohnt gern in der westdeutschen Provinz. „Besonders an trüben Tagen erinnert mich die Landschaft an Gehenna“, beschwört der melancholische Erzschelm den höllischen Ort herauf, an dem laut Evangelist Markus „der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt“. In diesem grauenhaften Abgrund wurden die verdammten Seelen gemartert. „Ganz wie im Sauerland“, scherzt der altböse Feind, der das erstaunlichste Comeback des abgelaufenen Jahres vorweisen kann.

Seit Äonen bewohnt der Antichrist die Einliegerwohnung im Souterrain eines Mehrfamilienhauses. Unter Nachbarn gilt der kosmische Tyrann als höflicher, aber unauffälliger Zeitgenosse. „Die Miete zahlt er immer pünktlich“, weiß der Vermieter zu berichten. „Ich darf sogar Haustiere halten“, erzählt der Antichrist und stellt dem Tier mit zehn Hörnern und sieben Köpfen ein Näpfchen Katzenfutter hin. „Selbst lebe ich aber vegan“, lispelt der Antichrist scheu. Das neu erwachte Medieninteresse ist der Personifizierung des Bösen eher unangenehm.

Kein Wunder, in den vergangenen Jahrhunderten war es still geworden um den Gegenspieler Christi. Zuletzt musste sich der Altstar der Eschatologie als Nebendarsteller in der Popkultur verdingen. „Ich durfte immer mal wieder ein Metal-Album inspirieren oder in einer ulkigen Lars-von-Trier-Klamotte mitspielen, aber davon kann man ja nicht leben“, gibt der Endzeitfürst zu.

Auch die wenigen Liveauftritte vor einer Handvoll Satanisten, die ihrem Meister neben hartgesottenen Bibel-Fundamentalisten die Treue hielten, warfen kaum noch Gewinn ab. Auf ein nahrhaftes Menschenopfer wagte der Antichrist längst nicht mehr zu hoffen, nur hin und wieder ritzte sich ein jugendlicher Fan die Pulsadern auf oder pfählte seinen Hamster.

„Nicht einmal katholische Theologen wollten in der Öffentlichkeit mit mir gesehen werden, beruflich war ich seit der Aufklärung so gut wie erledigt.“ Wie die Vier-Säfte-Lehre, das geozentrische Weltbild oder Impro-Theater galt die Vorstellung von Harmagedon im Zeitalter der Moderne als alberner Spinnkram.

„Ich musste sämtliches Personal entlassen“, bekennt der Antichrist, der einst über Heuschreckenschwärme und Heerscharen von Dämonen gebot. Den Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern ließ er in diabolischer Voraussicht aber nie abreißen. Sie alle wohnen in der Nähe. Die Hure Babylon betreibt einen Tretbotverleih am Möhnesee, die vier apokalyptischen Reiter arbeiten als Pferdetherapeuten mit Shetlandponys auf einem Hof bei Finnentrop.

„Wir haben schließlich einen Auftrag von Gott, wir müssen irgendwann die Band wieder zusammenbringen“, glaubt der Widersacher der Christenheit, ohne den der Herr beim Staffel­finale der Menschheit kein Jüngstes Gericht halten kann.

Doch seit letztem Jahr darf sich der Antichrist über den Beistand einer noch höheren Macht freuen. Tech-Milliardär und Überwachungsfetischist Peter Thiel hat einen Narren an dem biblischen Bösewicht gefressen und den uralten Schmonzes vom Antichrist in seinen wirren Vorträgen wieder salonfahig gemacht. Prompt werden die ­ketamininduzierten Hirnfürze des übergeschnappten Krösus auch in deutschen Feuilletons als sinnvoller Debattenbeitrag durchgekaut. „Ich bin selber erstaunt, dass ich im 21. Jahrhundert ernsthaft diskutiert werde“, bekennt der bescheidene Weltenvernichter.

Doch hat der paläolibertäre Knallkopf dem Antichrist eine reichlich ungewohnte Rolle auf den schuppigen Leib geschrieben. „Dass ich Greta Thunberg und Eliezer Yudkowsky als Vorboten beschäftige, konnte ich zuerst nicht glauben. Den KI-Kritiker musste ich erst googeln.“

Ferner fremdelt die Bestie, die zur sechsten Posaune ein Drittel der Menschheit mit Feuer, Rauch und Schwefel vernichten wird, mit ihrer Rolle als woker Chefbürokrat einer UN-Weltregierung, der die Menschheit mit Steuern, Klimagesetzen und Tech-Regularien kasteit, statt sie einfach in den Feuersee zu schmeißen. „Darauf hatte ich mich am meisten gefreut“, schmollt der erzböse Lindwurm. Die UN wollen dem Antichrist bislang nicht einmal eigene Büroräume zur Verfügung stellen.

„Auch dass ich Harmagedon plötzlich mit Diversity-Programmen herbeiführen soll, kam für mich unerwartet. Da musste ich mich erst einarbeiten“, seufzt der Antichrist.

Der Agent Satans will die Menschheit basisdemokratisch jeden Tag ein wenig mehr verderben

Trotz aller Widrigkeiten hat sich der altgediente Bösnickel ein beachtliches Tagespensum auferlegt, um die große Drangsal der Vielfalt zu verbreiten. „Dann wollen wir mal die Kelter des Zornes Gottes treten“, sagt der wackere Widerchrist, trinkt den Kaffee aus und verschwindet im Nebel des Lüdenscheider Morgens. Zur Erbauung überlässt er uns eine signierte Erstausgabe der Johannes-Offenbarung, aber es bleibt uns ein Buch mit sieben Siegeln.

Als wir den Menschheitsfeind abends wiedertreffen, hat er eine beeindruckende Liste von Teufeleien abgearbeitet. Morgens hat er Vorschulkinder mit Sexualerziehung verdorben, dann die göttliche Ordnung mit einer Inklusionsklasse gestört, in der Mittagspause den Herrn mit einer Petition zur Vermögensteuer gelästert, um ihn nachmittags mit Workshops zur Klimakrise zu erzürnen, bevor er abends dem Charity-Event für ein unterfinanziertes Frauenhaus die Höllenpforte öffnete.

„Ich habe mich lange machtlos gefühlt“, erzählt der hundemüde Widerpart, als er die wehen Füße endlich auf die Bundeslade legen darf. „Aber seit ich mich gemeinsam mit Gleichgesinnten für das Böse engagiere, sehe ich wieder eine Zukunft.“

Basisdemokratisch und diskriminierungsfrei will der Agent Satans die Menschheit jeden Tag ein wenig mehr verderben, bis er die apokalyptischen Reittherapeuten aus Finnentrop auf ihren Shetlandponys zum großen Finale ruft. „Hand in Hand, Schritt für Schritt, solidarisch der Apokalypse entgegen“, formuliert der Antichrist nicht ohne Pathos, dann schläft das Böse zufrieden auf dem Sofa ein, während das scharlachrote Tier behaglich auf seinem Schoß schnurrt.

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