: Die psychedelischen Dandys transzendieren San Francisco
Wow, what a trip: Der britische Kulturkritiker Jon Savage hat mit „Jon Savage’s SF Sike 1966-72“ einen Sampler mit Psychedelia aus Nordkalifornien zusammengestellt
Foto: Caroline True
Von Stephanie Grimm
Als George Hunter im Jahre 1964 in San Francisco die Band The Charlatans gründete, ging es dem langhaarigen Zausel nur am Rande um die Musik. Schließlich konnte der avantgardistisch angehauchte Architekturstudent nicht mal ein Instrument spielen. Eher hatte Hunter, der dank seines markanten Aussehens und der theatralischen Selbstinszenierung als „erster Hippie“ der kalifornischen Stadt gilt, mit den Charlatans – bitte nicht verwechseln mit der gleichnamigen britischen Band aus dem Manchester der Ravezeit! – ein Gesamtkunstwerk im Sinn.
Akribisch feilte Hunter an der Inszenierung der Band, ließ seine Mitmusiker Posen einstudieren, bevor sie jemals öffentlich auftraten: Statt Anzüge zu tragen, wie etwa die Beatbands der „British Invasion“, die sich Mitte der 1960er in den Charts tummelten, oder auch die angegammelten Jeans, die die Uniform der Folk-Bewegung waren, griffen die Charlatans die Ästhetik viktorianischer Dandys auf: Gestärkte Hemden und maßgeschneiderte Westen kombinierten sie mit Westernelementen wie Cowboystiefeln und breitkrempigen Stetsonhüten.
Und gaben so der entstehenden Hippie-Subkultur einen ganz eigenen Look. Auch das allererste Plakat eines Psychedelic-Rock-Konzerts (namens „The Seed“) geht auf Hunters Konto – ein weiteres Element der visuellen Revolution, an der die Band mitbastelte.
Ihr Song „Alabama Bound“, zu finden auf der Compilation Jon Savage‘s SF Sike 1966—72, klingt dagegen nur semi-interessant – verglichen mit etlichen deutlich tolleren Songs des Albums. Das Folktraditional, auf dem die Charlatans-Fassung basiert, interpretierten die kalifornischen Musiker passend zum verdrogten Zeitgeist eher schleppend. Psychedelisches Flirren stellt sich dabei allerdings kaum ein. Stattdessen führt ein scheppriges Honky-Tonk-Klavier den Song zurück zu seinen unglaublich seltsamen Country-Wurzeln.
Immerhin lässt die Strategie von Hunter und Co manchem Mythos über die angeblich so authentische Hippiebewegung recht nonchalant die Luft raus. Die brachte man schließlich gerne als „unschuldigen“ Vorläufer in Stellung, ein Gegenmoment zu den durchkalkulierten Inszenierungen, die die Popgeschichte noch hervorbringen sollte.
Es stecken etliche wilde Geschichten in dieser neuen Compilation des britischen Kulturkritikers Jon Savage. Zuallererst der Albumtitel selbst, „Sike“ den Savage lautermalerisch von „psych“ beziehungsweise „psychedelisch“ ableitet. Savage hat selbst einen ausufernden, aber zugleich erhellenden und akribisch recherchierten Wälzer zum Thema geschrieben, in dem die Ereignisse in Kalifornien ein wichtiges Element sind. Man kann also einfach noch mal sein Buch „1966. The Year The Decade Exploded“ (2016) zur Hand nehmen, um dem Geist der Zeit näherzukommen.
Darin arbeitet sich Savage chronologisch durch besagtes Jahr, in dem seiner Einschätzung nach der popkulturelle Urknall stattfand, der die Musikgeschichte auf beiden Seiten des Atlantiks nachhaltig beeinflussen sollte. Ein historischer Moment, in dem „wirklich radikale und innovative Inhalte zum Massenphänomen“ wurden, wie er es in einem Interview auf den Punkt brachte – was sich unter anderem in der Abkehr von dreiminütigen Hitsingles und der Hinwendung zum Albumformat manifestierte.
Rockmusik wurde 1966 zum künstlerischen und politischen Statement. Und der Vietnamkrieg fungierte als Brandbeschleuniger. In einer Art von Weitererzählung seines Buchs nimmt sich Savage nun eben mit der Compilation „SF Sike 1966–72“ den Klang jener Jahre vor. Natürlich sind auch bekannte Namen zu finden, The Grateful Dead etwa oder Santana – deren Beitrag „Eternal Caravan of Reincarnation“ (1972) allerdings eine Abkehr von ihrem erfolgsträchtigen Latinrock markierte.
Alles in allem zeichnet Savage ein nuancierteres Bild des kalifornischen Zeitgeists, auch seiner Verzweigungen. Und zwar klingt er viel grobkörniger und schrammeliger, als es die glatt polierte Mythologie um den „Summer of Love“ 1967 nahelegt. Letztere wird vermutlich im kommenden Jahr wieder in Stellung gebracht, wenn er sich zum 60. Mal jährt – beim letzten runden Jahrestag wurde gefühlt jeder zweite Beitrag mit Scott McKenzies Kitschhymne „San Francisco (Be Sure to Wear a Flower in Your Hair)“ untermalt.
Foto: Caroline True
Besagter Song war bemerkenswerterweise eine Auftragsarbeit, initiiert von den lokalen Behörden der kalifornischen Kleinstadt Monterey, die angesichts des anstehenden Monterey-Pop-Festivals eine Hippieinvasion fürchtete. Die Idee hinter dieser von John Philips (von The Mamas & The Papas) angeblich in 20 Minuten geschriebenen Schunkelnummer: Die Gäste sollten friedlich gestimmt und gleich im Anschluss ans Festival ins 200 Kilometer entfernte San Francisco gekarrt werden. Das Plan ging auf, die legendäre Straßenkreuzung Haight/Ashbury wurde zum Hotspot des „Summer of Love“.
Der Rest ist Geschichte, die nicht wenige für eine Revolution hielten. Die allerdings sollte bald etliche ihrer Kinder fressen. Eine tragische Geschichte steckt etwa in Skip Spences Song „Grey/Afro“, erschienen auf seinem Album „Oar“ (1969), das auch sein einziges Solowerk bleiben sollte. Der Song fasziniert mit verstolperten Rhythmen, aus denen ein wundersamer, hypnotisch-mäandernder Drive entsteht, und ist dabei zugleich Dokument des psychischen Zusammenbruchs eines genialen Musikers der Hippie-Ära.
Ebenfalls Teil der Compilation ist der Song „Rose Coloured Eyes“ seiner vormaligen Band Moby Grape (1968). Kurz vor der Fertigstellung ihres zweiten Albums Wow hatte Spence seine Bandkollegen im LSD-induzierten Wahn mit einer Axt attackiert und landete nicht zum letzten Mal in der Psychiatrie.
Foto: Caroline True
Diese Eskalation ist aus dem geschmeidigen Psychpop-Folkamalgam nicht herauszulesen. Der Song aus der Feder von Bassist Bob Mosley hat eine schwebende Anmutung: melancholisches Songwriting trifft auf opulente Streicher- und Bläserarrangements. Auf Textebene ist die Atmosphäre deutlich düsterer, auch da geht es um Gewalt – allerdings ausgehend von Hippies hassenden Rednecks.
Spence sollte nicht das einzige Mitglied von Moby Grape bleiben, das ernsthafte psychische Probleme entwickelte. Auch bei Mosley wurde später eine Schizophrenie diagnostiziert, nachdem er zum Entsetzen seiner Kollegen aus der Band ausgestiegen war und sich freiwillig zu den US-Marines gemeldet hatte.
Es ging auf vielen Ebenen drunter und drüber in der nordkalifornischen Subkultur in jenen Jahre. „Jon Savage’s SF Sike 1966-72“ packt viele Widersprüche und subkulturelle Verzweigungen anschaulich in 18 Songs. Und bringt damit die Aufbruchstimmung jener Jahre ebenso zum Klingen, wie die Abgründe, die sich für viele auftaten, die im „Summer of Love“ und den Jahren drumherum mit Verve ihre Jugend verschwendeten.
Verschiedene „Jon Savage’s SF Sike 1966-72“ (Caroline True Records/Bandcamp)
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