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Mit „Tide“ premiert das Münchner Volkstheater sein zweites Tanztheater. Die Tänzer:innen imitieren darin mittels Breakdance und Contemporary die Bewegungen des Meeres

Beeindruckende Breakdance-Einlagen von Leon „Carlinho“ Rauh Foto: Marcella Ruiz Cruz

Von Merle Zils

Zwei Frauen. Eine Umarmung. Jeder Beat versetzt ihnen ein Beben. Die Musik wie die Außenwelt, die sie zwingt zu reagieren. Sie halten sich aneinander fest, bis eine zu Boden geht. Sie folgt den Bewegungen der Stehenden wie ihr Schatten. Eine läuft, die andere rollt. Kurz darauf tragen sie sich in inniger Umarmung gegenseitig über die Bühne. Die Bewegungen von Anne Schwarzelt und Brooklyn Frances Odunsi Ifeacho werden zum Symbol weiblicher Solidarität, ein Assoziationsraum für ein Gefühl, das viele Frauen eint. Ohne zu sprechen, sagen sie: „Wir tragen uns.“

Sie tanzen als einzige Frauen im Ensemble von „Tide“. Es ist die zweite Produktion der Choreografen Sophie Haydee Colindres Zühlke und Serhat „Saïd“ Perhat. Erstere ist eine in London und New York studierte Tänzerin und Choreografin, zweiterer war Teil des deutschen Breakdance Olympiakaders. Im vergangenen Jahr inszenierten sie gemeinsam „Grey“, das erste Tanztheaterstück am Münchner Volkstheater. Nun wollen sie an den Erfolg anknüpfen. Der Andrang ist groß: Alle April- und Mai-Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Tide, wie die Gezeiten des Meeres, zeigt sich als eine Metapher für die Zyklen des Lebens. Wie das Wasser kommt und geht, kommen und gehen die Tän­ze­r:in­nen – die Inszenierung verläuft in Zyklen, die keine Geschichten, sondern eher Gefühle vermitteln.

Organische, weich ausgestanzte Bewegungen des Contemporary Dance, Slow Motion, warmes Sonnenaufgangslicht und meditative Klänge und Wasserrauschen vermischen sich und konkurrieren zugleich mit grellen weißen Spotlights, tiefen Beats und schnellen Head- und Backspins des Breakdance. Eine perfekt abgestimmte Symbiose.

„Die Musik ist unsere Dramaturgie“, so die Choreografen auf der Website des Theaters. In das Sounddesign von Konstantin Hofmann mischt sich das Rascheln der weiten Hosen auf dem Tanzboden. Die Bühne ist leer, die Looks sind schlicht. Dem Tanz wird Raum gegeben.

Wer den elf Tän­ze­r:in­nen des Ensembles zuschaut, spürt eine Energie, die das Meer imitiert. Dabei sind manche Zyklen deutlich stärker als andere. Während die sich tragenden Frauen einen so starken Ausdruck des Widerstands vermitteln, vermisst eine andere Szene, die lediglich über Video dargestellt wird, diese Energie. Die unnötige Verwendung des Stilmittels wirft die Frage auf, ob es sich um eine Live-Übertragung der Bühne handelt oder eine voraufgezeichnete Szene, um den Tän­ze­r:in­nen eine Pause zu gönnen. Was verständlich wäre bei ihrer Leistung, der Inszenierung jedoch ihre Naturgewalt raubt.

Trotz mancher schwacher Momente bleibt „Tide“ im Kopf. Vor allem durch die so oft auf deutschen Theaterbühnen vermisste Repräsentation marginalisierter Gruppen. Breakdance, entstanden in der Black und Latinx Community der New Yorker Bronx der 1970er Jahre, ist ein Grundelement der Hip-Hop-Kultur. Auch das daher stammende Dancebattle findet Einzug in die Choreografie.

Die Tänzerinnen Anne Schwarzelt und Brooklyn Frances „6rooklyn“ Odunsi Ifeacho Foto: Marcella Ruiz Cruz

„Tide“ ist nicht nur eineZelebration des Tanzes, sondern einer unterrepräsentierten Kultur. Auch Tänzer Nikola Žica, der seinen Rollstuhl als Teil der Bewegung begreift, fließt mal selbstverständlich in die Choreografie ein und setzt mal bewusste Akzente, die den Rhythmus brechen. Besonders kraftvoll sind die Momente, in denen er im Duett mit Mike Ezeala im Gegenlicht eine neue körperliche Einheit formt. Der Cast ist divers; neben wirbelnden Braids das kindliche Lächeln des 2011 geborenen Leon Rauh, dessen Breakdance-Einlagen beeindrucken.

Als sich die beiden Tänzerinnen aus ihrem Duett lösen, liegen die männlichen Tänzer um sie herum. Immer stampfen die Frauen mit ihren Füßen auf den Boden. Als würden sie schreien: „Empört euch, kämpft mit uns, tanzt mit uns, gegen die Ungerechtigkeit, die wir erfahren“. Doch vom männlichen Boden her nur ein zuckender Arm hier, ein kurzes Aufbeben dort und dann wieder Stille. Nur zwei Frauen, die enttäuscht zu Boden blicken. Es ist eines der prägendsten Bilder, das vom Abend bleibt.

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