Die helle Seite von Twitter: Zwischen Opossum und Aphorismus

Twitter wird 15 und ist voller Hass. Das stimmt. Doch es gibt auch viel Schönes und Abseitiges zu entdecken. Ein Geburtstagsständchen.

Nahaufnahme eines Goldregenpfeifers

Hat auf Twitter viele Fans: der Goldregenpfeifer Foto: dpa/Ingo Wagner

Am Mittwoch hatte ich wieder so einen Twittermoment. „Obsession: Nahrungsmitteldenkmäler“ twitterte @stadtwildnis und ergänzte vier Wikipedia-Screenshots von, tja, Nahrungsmitteldenkmälern, darunter das Grüne-Soße-Denkmal in Frankfurt-Oberrad und das Eisweindenkmal in Dromersheim. Sofort stiegen andere darauf ein, zeigten Kartoffel-, Steinhäger- und Durian-Skulpturen. Ach Internet, du wunderbarer Ort der Nerd-Schwarmintelligenz!

Twitter, bekannt geworden als der „Kurznachrichtendienst im Internet“, wird am Sonntag 15 Jahre alt und ich ahne, was Sie jetzt denken: Twitter, das ist doch dieses Selbstdarstellerding, dieser Trumpkanal, dieser Hort von Shitstorms, persönlichen Angriffen und zutiefst verletzenden Debatten.

Stimmt auch alles. Twitter hat sich den Ruf, ein Hassmedium zu sein, hart erarbeitet. Für ernsthafte Diskussionen ist es komplett ungeeignet, auf 280 Zeichen kann man nur verkürzt argumentieren, es ist ideal für Zuspitzungen, Schwarz-Weiß-Denken und absichtliches Falschverstehen.

Von allen sozialen Medien ist Twitter die radikalste Gegenwartsmaschine. Das Weltgeschehen wird hier im Dauerfeuermodus verarbeitet – aber eben längst nicht nur von den besonders lauten Empörungs-Accounts. Von vielen anderen Nut­ze­r:in­nen wird es zugleich liebevoll popkulturell eingenordet werden oder kunstvoll zu Pointen und Aphorismen verwurstet – oder auch einfach ignoriert. Sie haben Besseres zu tun.

Twitter ist ein Ort vieler kleiner Schätze. Doch wer sie heben will, darf es nicht nur als Pressesprecher-Tool und Medien-Newsfeed begreifen, als „Arbeitsmittel“, wo man „heutzutage einfach dabei sein muss“. Sondern als das, als was Twitter anfangs mal gedacht war: Ein Micro-Blog, das viele Menschen aus rein intrinsischer Motivation mit kleinen Beobachtungen aus dem eigenen Leben füllen.

Ist man nur offen genug, dann findet man neben der Hauptstadt- und Politik-Bubble auch ganz andere, schillerndere Blasen: Für Nachtzug-, Goldregenpfeifer- oder K-Pop-Fans. Man erfreut sich an Accounts, die stündlich ein Opossumfoto zeigen, oder schottische Brutalismus-Bauten, an kleinen Gedichten, an Mitmachspielen, am über die Jahre üppig gewachsenen Gestrüpp an Referenzen und In-Jokes. Auf seiner hellen Seite ist Twitter ein Rummelplatz herrlichster Zerstreuungsmöglichkeit. Möge dieser Teil noch lange leben!

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, Zeit und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren. Bei der taz im Wochenend-Ressort und dort vor allem für die Genussseite zuständig.

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