: Die halbe Wahrheit
■ "Es gibt keinen Common sense", taz vom 10.4.92
Betr.: „Es gibt keinen Common sense“ von Shalini Randeria,
taz vom 10.4.92
Natürlich hat die Autorin recht, wenn sie schreibt, daß man unser Konsumverhalten als einen Grund für die ökologische Situation in der Welt ausblendet, wenn man die Überbevölkerung als einzige Ursache der ökologisch verheerenden Situation ausmacht.
Auf der anderen Seite wird aber auch ausgeblendet, wenn frau sagt, ökologische Situation und Überbevölkerung hätten überhaupt nichts miteinander zu tun. Ist es nicht vielmehr so, daß gerade die Kombination von umweltfeindlichem Verhalten und die Überbevölkerung Ursachen der Umweltkatastrophe sind? Vergleicht man die Pro-Kopf-Energieverschwendung der Menschen im Norden mit der im südlichen Teil der Welt, so sieht man leicht, daß es eigentlich der Norden ist, der die Erde überbevölkert. Bernhard Clasen,
Mönchengladbach
Auf dem Plakat von Esprit steht eine halbe Wahrheit, und halbe Wahrheiten sind gefährlicher als glatte Lügen. Aber darauf nur mit Empörung zu reagieren und die halbe Wahrheit zu leugnen oder zu ignorieren, wie es Frau Randeria tut, bringt nichts. Die ganze Wahrheit ist wie folgt: Sowohl das Wachstum der Bevölkerungszahl als auch das jetzige Konsumniveau der Menschen des Nordens (aber auch der Reichen und Mittelschichtler im Süden) zerstört die Biosphäre, unsere Lebensbasis. Daraus folgt, daß sowohl die Geburtenzahl im Süden als auch der Konsum im Norden drastisch reduziert werden muß. Beides ist absolut notwendig und machbar, wenn der Wille dazu besteht, obwohl das sicher nicht einfach ist.
Mit Kultur zu argumentieren, wie es Frau Randeria tut, ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Falsch, weil kein Element der Kulturen der Welt seit ewig und für immer da ist. (Elemente von) Kulturen sind in der Geschichte der Menschheit entstanden, und sie können auch verschwinden. Warum soll oder darf sich also das Gebärverhalten der Menschen nicht ändern?
Mit Kultur zu argumentieren, ist auch gefährlich, weil dann die Bürger der reichen Industrieländer sagen können, hoher Konsum — sehr viel Auto fahren zum Beispiel — gehöre zu ihrer gegenwärtigen Kultur, und darum könnten sie das nicht ändern.
Selbst wenn die mächtigen Industrieländer ganz aufhören würden, die Länder des Südens auszubeuten, bliebe das Bevölkerungsproblem für eine Reihe der Länder des Südens. Da die Quantitäten von Ackerland, Waldflächen, Wiesen, Wasser und vielem anderen in jedem Land begrenzt sind, wird jedes Bevölkerungswachstum in schon dicht bevölkerten Ländern wie Indien, Bangladesh, China, Indonesien und so weiter eine Verminderung der Pro- Kopf-Verfügbarkeit dieser Ressourcen und Erhöhung der Umweltbelastung bedeuten. Das ist doch logisch.
Wenn sie nicht die Ressourcen anderer Länder ausbeuten dürfen, dann sind auch einige der Industrieländer übervölkert — Deutschland und Holland zum Beispiel. Migration in dünn besiedelte Länder als Lösung würde bald seine Grenze erreichen. Außerdem ist es keine wünschenswerte Lösung, daß Menschen ihre Heimat verlassen müssen, um bloß irgendwie ihr tägliches Brot verdienen zu können. Zudem müßten wir auch das Recht der anderen Spezies auf ein Stück Erdoberfläche respektieren, ganz abgesehen davon, daß eine diesbezügliche Vielfalt uns Menschen auch nützlich, vielleicht auch lebenswichtig ist. Saral Sarkar, Köln
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen