Die Zukunft von Tempelhof: Der Berg in den Köpfen

Was tun mit Tempelhof? Wir denken uns ein Bergmassiv aus und vermarkten es. Die sonderbare Idee eines Berliner Architekten-Teams macht weltweit Furore. Doch es gibt noch mehr Vorschläge - die ernst gemeint sind.

Der Gipfel - auch der der absurden Ideen. Bild: reuters

Vorschlag 1: Der Berg

Der Hype begann, als Jakob Tigges offiziell schon aus dem Rennen um die Parkgestaltung des Tempelhofer Feldes war. Chinesische Zeitungen berichteten, Berliner Grundschüler malten und eigens angereiste australische Bergbauingenieure klingelten an der Bürotür des Architekten. "Wir haben offenbar einen Sehnsuchtsort entworfen", sagt Tigges.

Was passiert mit dem Tempelhofer Feld? Der nächste feste Termin ist das Jahr 2017. Dann soll die Internationale Gartenschau (IGA) mehr als die Hälfte der Fläche in einen Themenpark verwandeln. Bis dahin sollen 60 Millionen Euro in die Sanierung des Gesamtareals investiert werden.

Der Senat überlegt zudem, die Internationale Bau-Ausstellung (IBA) aufs Feld zu holen. Er erhofft sich davon Impulse für die geplante Bebauung an den Parkrändern, die Flughafengelände und die angrenzenden Kieze im Norden und Osten vernetzen sollen. Ob, wann und in welcher Form eine IBA kommt, ist noch offen.

Auch für die Flughafengebäude gibt es bisher kein langfristiges Konzept; es lebt von Zwischennutzungen wie der Modemesse Bread & Butter zweimal im Jahr, Konzerten und Feuerwerken.

Die zentrale Verantwortlichkeit für die Planung von Tempelhof liegt bei den Managern, die schon das Gewerbe- und Forschungsgebiet in Adlershof entwickelt haben. Adlershof-Geschäftsführer Hardy Schmitz kündigte vor kurzem an, im Frühsommer Planungen und Strategien für den einstigen Flughafen vorstellen zu wollen.

Der Ort, von dem er spricht, trägt zwei Gipfel, einer davon ist 1.071 Meter hoch. Er lädt zum Wandern und Skifahren, hat Platz für Ziegen und Almhütten: Tigges und sein Team haben für Tempelhof einen Berg erdacht.

"The Berg", um genau zu sein. Der Architekt, der an der Technischen Universität lehrt und ein Büro in Mitte leitet, reichte den Vorschlag bei der Senatsverwaltung ein. Zusammen mit einer Werbekampagne, angelehnt an die offizielle Berlin-Werbung: "Berlin verbindet", "Berlin wagt" und natürlich "Berlin ruft". Von der Jury kamen die Unterlagen zurück, versehen mit dem Stempel: "Nicht realisierbar."

"Klar waren wir enttäuscht, schließlich durfte die Öffentlichkeit unseren Vorschlag nicht einmal sehen", sagt Tigges rückblickend. Hat vielleicht der Senat etwas nicht verstanden? Den Köpfen hinter "The Berg" ging es nie um den realen Bau. "Wir sind so kaltschnäuzig, dass wir nur behaupten, den Berg zu haben." Vermarktet wird die Idee - und das schafft Gemeinsames: Wir tun so als ob, und zwar alle zusammen. Auf Postkarten würden Motive abgedruckt, auf Stadtplänen sollte "The Berg" eingezeichnet werden, die Taxifahrer davon erzählen. Der Berg würde zur Touristenattraktion schlechthin.

Die Architekten wollten mit ihrem Projekt auch gegen die Ideenlosigkeit in der Stadt angehen. Tempelhof biete mehr als fünf Wohnquartiere und einen Park. "The Berg" sei die "visualisierte Forderung nach einer schöneren Idee", sagt Tigges.

Als sich die Enttäuschung über die abweisende Haltung aus dem Senat gelegt hatte, richtete Tigges eine Facebook-Seite zu seinem Projekt ein. Eine überregionale Tageszeitung griff das Thema auf, verband es mit der Ideenlosigkeit der übrigen Wettbewerbsbeiträge. Eine andere ließ einen Physiker den Schattenwurf der zwei Gipfel berechnen. Medien weltweit reagierten. Internetnutzer schickten U-Bahn-Pläne, in denen eine Bergstation eingezeichnet war. Ein Pistennetz um den Rosinen- und den etwas niedrigeren Bombergipfel entstand.

"Es hört nicht auf", sagt Tigges. Derzeit sind an die 70 großformatige Bilder mit Bergmotiv in antiken Rahmen an Szenekneipen vermietet. Das Architekten-Team hat Postkarten mit Collagen drucken lassen und mit Hilfe eines Sponsors aus der Alpenregion Gucklochkameras in Almhüttenform entworfen. Die Idee vermarktet sich, ganz im Sinne der Macher. In der Londoner U-Bahn hängt seit einiger Zeit eine großflächige Berlin-Werbung: "The Berg".

KRISTINA PEZZEI

Vorschlag 2: Landwirtschaft

Die Idee klingt utopisch: Mit einem 80 Hektar großen Nachbarschaftsgarten sollen sozial ausgegrenzte Bevölkerungsteile Hilfe zur Selbsthilfe bei der "Wiedergewinnung von Autonomie über ihr direktes Lebensumfeld" erhalten. So steht es in der Ideenskizze. Nachbarschaftsnetzwerke sollen die auf transparente Weise erarbeiteten Produkte gratis verteilen. Selbst eine eigene Bäckerei wird angedacht.

Hinter dieser Initiative steckt eine angeblich rund zehnköpfige Gruppe. Der Öffentlichkeit stellte sich der "tempelgaerten&catid=17:projekte&Itemid=3:TempelGärten e.V. in Gründung" am vergangenen Wochenende erstmals bei der Öffnung des Ex-Flughafengeländes vor. Da direkte Pflanzungen verboten waren, wurden Flugzettel verteilt und Beete auf Fahrrädern, die "wie Pfingstochsen geschmückt" waren, herumgefahren, wie Elisabeth Meyer-Renschhausen berichtet.

Die Privatdozentin für Soziologie an der FU Berlin ist eines der Gruppenmitglieder, die die globale Perspektive des Projekts mit eigenen Erfahrungen unterfüttern können. Sie veröffentlichte 2004 ein Buch über "Community Gardens in New York City" und kann deshalb gerade die "große sozial-integrative Funktion" von Stadtgärten und urbaner Landwirtschaft bestätigen. In New York habe "die gesamte Stadtgemeinschaft" profitiert.

Die Forscherin geht davon aus, dass auch in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung prinzipielle Sympathien zumindest für sogenannte Interkulturelle Nachbarschaftsgärten bestehen. So seien sie auch für die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) durchaus erwünscht, die 2017 auf dem Tempelhofer Feld stattfinden soll.

Doch die Hürden für derartige Projekte sind hoch. Zwar wollte sich auch die Gruppe bei der Ausschreibung des Senats für die IGA bewerben. Doch sei die Hälfte der bis Mitte Mai laufenden Bewerbungsfrist schon verstrichen gewesen, als der Entschluss gefasst wurde, berichtet die beteiligte Studentin Maren Streibel. Zudem überfordere alleine das Lesen der vielen formalen Anforderungen das Zeitbudget der Gruppe.

Sie ist nicht einverstanden mit dem Verfahren: "Vom Senat ist so viel vorgegeben, und wir, die wir hier wohnen und Ideen haben, wir können nicht mitbestimmen." Sie schwankt zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung: "Ich kenne so viele Leute und Gruppen, die das unterstützen wollen - man müsste mal zeigen: Die Berliner wollen das!" Eventuell wird nun erst einmal eine Unterschriftenkampagne gestartet.

RALF HUTTER

Vorschlag 3: Sport für junge Menschen

Neuköllner Kids und Teenies aus sozial benachteiligten Familien sollen sich auf dem ehemaligen Flugfeld in einem Hochseilpark, beim Skaten, Streetdancen oder anderen aktionsgeladenen Sportarten austoben können. "Trendbewusst und cool soll der Platz werden, damit er die Kids wirklich anspricht", erklärt Robert Merk seine Idee. Mit der hat der Diplompsychologe bei einem 2007 vom Senat initiierten Online-Ideenwettbewerb für die Nutzung des ehemaligen Flughafens den zweiten Platz belegt.

"Wir wollen ein Freizeitangebot, das öffentlich, sozial und partizipatorisch sein soll", erklärt der Initiator. Partizipatorisch bedeutet in dem Fall, dass die späteren Nutzer - also die Kinder und Jugendlichen - an der Planung beteiligt sein sollen. Dafür hat er bereits soziale Einrichtungen und Schulen in Neukölln als Partner in sein Projekt eingebunden. Welche das sein sollen, will er jedoch nicht verraten. Genauso wenig wie die Fördermittel, die in Aussicht gestellt worden. Finanziert werden soll das Ganze mit einem Mischkonzept: Neben den Fördermitteln sollen öffentliche und Sponsorengelder wie auch ein Gastronomiebetrieb und die Veranstaltung kommerzieller Events die anfallenden Kosten decken.

Seine Zielgruppe hat Merk schon fest mit eingebunden und die Kinder und Jugendlichen nach ihren Wünschen gefragt. "Die Kinder haben sich Gokart oder Paintball gewünscht, aber auch ganz klassisch einen Bolzplatz mit Flutlicht", erzählt Merk. Soziale Einrichtungen aus dem Bezirk Neukölln sollen die pädagogische Betreuung des Platzes übernehmen.

So weit seine Vorstellung. "Wir finden die Idee gut und würden uns freuen, wenn sie umgesetzt wird. Jetzt muss noch ein tragfähiges Konzept vorgelegt werden", sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Robert Merk ist da optimistisch: "Wenn es mit den Fördermitteln klappt, wird es ab Sommer die ersten Sportmodule auf dem Platz geben", sagt er. Darüber, wo gebolzt, getanzt und geklettert werden kann, verhandelt er derzeit mit Senat, Parkverwaltung und der zuständigen Projektgesellschaft. Auch die Größe ist noch unklar. "Aber 25.000 Quadratmeter brauchen wir mindestens", sagt Merk. Das wäre nur ein Prozent des gesamtem Tempelhofer Feldes.

KATHLEEN FIETZ

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