Die Wahrheit: Lebendige Totgeburt

In diesen schweren Zeiten eine Geschichte zu erzählen, ist nicht leicht – vor allem wenn sich das Personal unvorhergesehen verselbstständigt.

Eine Totgeburt war die Geschichte schon deshalb, weil es überhaupt keine Hoffnung auf Ideen für eine Handlung gab. Außer der Anzahl und den Namen der beteiligten Personen sowie der vagen Vorgabe, dass dieselben auf einer sich selbst verdauenden Insel irgendwelchen Tätigkeiten nachgehen sollten, existierte nichts. Es war nicht einmal sicher, ob es sich überhaupt um menschliche Protagonisten handelte. Der Autor erwog vorübergehend, die Inselbewohner künstliche Wissenschaftler sein zu lassen, die vor Jahren eingesetzt worden waren, um Verschiedenes zu erforschen.

„Infolge einer Katastrophe könnten sie für längere Zeit sich selbst überlassen gewesen sein und, nachdem ihre neuronalen Schaltkreise nicht mehr regulär gesteuert wurden, ein seltsames Eigenleben entwickelt haben“, lautete eine handschriftliche Notiz des Autors. Welcher Natur dieses Personal auch sein mochte – es bestand jedenfalls aus der Botanikerin Weingarten, dem Folkloreforscher De Witt, der Geologin Auer und dem Linguisten Dolzmann.

Einer anderen Notiz des Autors ist zu entnehmen, dass irgendwann ein junger Mann namens Radsport von Thermos­tat hinzukommen sollte, indem er über Nacht von selbst entstand. Anschließend sollten sich die vier anderen an keine Zeit ohne ihn erinnern können. Dieser weitere Protagonist war als Handlungsträger gedacht. Der Notiz zufolge besaß er in Bezug auf die lokalen Verhältnisse vage angeborene Kenntnisse, die jahrelanger Erfahrung entsprachen. Ihm sollte die Aufgabe zufallen, Regen anzubahnen, Wolken herbeizureden und Sturm zu vergrämen.

Wäre diese Geschichte je geschrieben worden, könnten wir jetzt Radsport von Thermostat dabei erleben, wie er am Morgen seine kleine eingeschossige Holzhütte verlässt, um Regen für den neuen Tag anzubahnen. Dazu muss er wenigstens eine Viertelstunde lang im Freien herumlaufen und sich auf die Vorstellung konzentrieren, es habe bereits ergiebig geregnet. Parallel dazu halluziniert er den Geschmack einer reifen Banane. In der Nähe des Geräteschuppens läuft ihm der Folkloreforscher De Witt über den Weg.

„Auer und Dolzmann sind weg“, berichtet De Witt. „Seit wann?“, erkundigte sich Radsport von Thermostat und erfährt: „Seit gestern. Es war keine Rede davon, dass sie irgendwohin wollten.“

Radsport von Thermostat hat die beiden immer etwas undurchsichtig gefunden. Ihm gegenüber sind sie stets reserviert und spröde gewesen. Was weiß er schon von ihnen? Die Geologin Auer führt regelmäßige Unterwassermessungen durch, und von Dolzmann heißt es, er beschäftige sich mit der Entwicklung einer „streng monotonen“ neuen Verdauungssprache. „In dieser Sprache würde ich gern die Insel besingen“, hat De Witt einmal zu Radsport von Thermostat gesagt, als sie über die Inselfolklore sprachen.

„Die sind garantiert bald wieder da“, meint Radsport von Thermostat, und damit ist die Unterhaltung beendet.

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kari

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