Die Wahrheit: Schiffe versenken für Ideologen

Kolumbus’ Santa Maria wurde von Roland Kaiser besungen. Wahrscheinlich liegt sie deshalb schon lange nicht mehr im Hafen von Barcelona.

Denkmäler werden gestürzt, Bilder abgehängt, Wörter gestrichen, Schiffe versenkt. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. In meinem Fall und mit reichlich Verspätung: Abschied von der „Santa Maria“.

Die „Santa Maria“ war eine Karavelle und, trotz der Besegelung und damit das endlich mal klar ist, keine Karacke. Sie lag auch nicht vor Madagaskar und hatte auch kein Corona an Bord, sondern vor dem Hafenamt von Barcelona, als ich sie das erste Mal bestieg. Da war ich sieben.

Ich war ein Kind der Sonne, und das Schiff schön wie ein erwachender Morgen. Es hielt meine Jugend auf den Brettern und hatte mit seinen Bombardellen und Kolubrinen und auch in Sachen Takelung und Rigg einiges vorzuweisen. Es beeindruckte mich sehr.

Ich erinnere mich gern an sie. Als ich sie das zweite Mal besteigen wollte, war sie schon nicht mehr da. Das war 1997, fast zwanzig Jahre später, der Hafen von Barcelona war voll mit schmutzigem Wasser, in dem bedeutungslosere Schiffe lagen. Christoph Kolumbus stand auf seiner Säule und zeigte wie immer in die falsche Richtung, nämlich nach Osten, wo Amerika zwar auch irgendwann liegt, aber Betonung auf irgendwann. Die Reiseroute, die der Mann an Bord der „Santa Maria“ gewählt hatte, war die in den Westen. Das war doch der Witz damals, darum sollte es gehen bei dem Turn.

Aber so ist die Welt. Voller absurder Widersprüche. Kolumbus zeigt den falschen Weg, und sein Schiff war spurlos verschwunden. Oder hatte ich das Schiff nur geträumt? Nein, es hatte da gelegen, ein Nachbau aus den Gewerken des spanischen Films, 1952 zu Wasser gelassen, genehmigt von General Franco.

Santa Maria heißt auch eine Insel und ein gleichnamiges Lied von Roland Kaiser, das zwei Jahre nach meiner Erst- und Einzigbesteigung des Schiffs veröffentlicht wurde und das ich für den besten Schlager aller Zeiten halte. Wegen des überdreht schwiemeligen Textes: „Santa Maria, / Ihre Wildheit ließ mich erleben, / Mit ihr auf bunten Flügeln entschweben, / In ein fernes unbekanntes Land.“

Und jetzt das. Wie ich erst kürzlich herausgefunden habe, wurde die „Santa Maria“ bereits Anfang der neunziger Jahre von marxistisch-leninistischen Unabhängigkeitsaktivisten angezündet. Wegen Franco und Kolonialismus und so. Da eine Restaurierung zu kostspielig schien, wurde das Schiff schließlich versenkt. Heimlich. Drei Meilen vor der Küste. Doch, um es mit Roland Kaiser zu sagen: „Die Erinnerung, sie wird nie vergeh’n.“

Südlich habe ich nach und nach zwei andere Repliken entdeckt. Glücklich machen sie mich nicht, sie sind kein Ersatz für das Original. Obwohl das auch bloß ein Nachbau war. Und doch. The first cut ist the deepest. Das eine ist nur ein halbes Schiff und steht im Kolumbus-Museum von Las Palmas, das andere schippert vor Madeira Touristen durch die Gegend. Motorbetrieben! Mit Bar an Bord!

Aber, pssst, erzählt das trotzdem mal keinen marxistisch-leninistischen Separatisten.

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