Die Wahrheit: Putte Seelen im Aua-Krieg

Neues vom deutschen Buchmarkt: Es bleibt alles beim Alten. Gefragt ist Seelenpflege, bevorzugt von Kriegskindern und -enkeln und -urenkeln.

Der deutsche Buchmarkt ist kuriosen Konjunkturen unterworfen. Das ist okay. Hauptsache Konjunktur. In der Belle­tristik überwiegen Romane junger Leute, die in Berlin total verrückte Sachen (Drogen, Sex) erleben. Dann wieder überwiegen Romane junger Leute, die in Berlin total verrückte Sachen (Drogen, Sex) erlebt haben und in die Provinz zurückkehren, wo’s dann wider Erwarten auch total verrückt ist (Gülle, Sex, Familie). Manchmal wird auch ein total verrücktes Leben zwischen Berlin und Provinz geschildert. Drogen, Sex, Gülle, Familie. Und Windräder!

Unberechenbarer sind die Sachbücher. Niemand kann vorhersagen, ob ein Werk über den Darm, Jan Fedder oder auch den Darm von Jan Fedder die Gunst des Publikums erobert.

Zwei Ausnahmen aber gibt es, die verlässlich zum Bestseller werden. Erstens Krieg, Krieg geht immer. Zweitens Wunden, bestenfalls seelische Wunden, irgendwas Schlimmes, das sich dann ausgiebig lecken lässt. Der Jackpot ist das Buch über seelische Wunden, die der Krieg hinterlässt. Und da hat sich in letzter Zeit ein wunderbares Genre etabliert. Es geht darin um die mentalen Nachwehen der schlimmen, schlimmen Zeit.

Zuerst waren es die „Kriegskinder“, denen sich Populärwissenschaft und einfühlsames Schreiben zuwandten. Was macht es mit Kindern, wenn die alliierte Luftwaffe draußen alles platt bombt? Was tut’s, wenn Papa zur Wirtschaftswunderzeit nicht so recht von Stalingrad erzählen mag, Mama nicht von Dresden? Wenn die Eltern nicht, wie in den 1.000 Jahren zuvor, ihren Gefühlen freien Lauf gelassen haben?

Ach, das entsetzliche Schweigen, es hat so viel puttemacht. Da muss die Psychotherapie ran. Wenn das alles wegtherapiert ist, was dann? Dann kommen die Kinder der ebenfalls schweigenden Kriegskinder an die Reihe, hernach die Kriegsenkel, und so kann das immer weitergehen, vielleicht sogar bis zu deren stimmbandlosen Ururenkeln. Alle übel traumatisiert von Chaos, Schrecken, Not.

Das ist schön und gut, möglicherweise auch „richtig und wichtig“. Wunden müssen gepflegt und hergezeigt werden. Und wer keine hat, sucht sich eben welche. Sich selbst verborgene Traumata abzulauschen, das ist Volkssport geworden. Und ganz gewiss gibt es vergleichbare Bestseller auch in der Ukraine und Russland, gibt es Selbsthilfegruppen auch in Rotterdam und Thessaloniki, Lehrstühle in Leningrad und Krakau.

Überall, da dürfen wir Deutsche uns sicher sein, wird endlos ein Schmerz bejammert, den der Krieg – und nicht etwa die Deutschen – den Beteiligten, deren Kindern und Enkeln und Urenkeln bereitet hat und noch bereitet. Umgekehrt könnten die anderen Völker endlich mal anerkennen, dass uns Deutschen in mittlerweile vierter Generation die Faust noch immer weh tut, mit der wir sie zu Brei geschlagen haben. Ist das zu viel verlangt?

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