Die Wahrheit

Die Pelikan-Suche

Ohne Pelikan ist das Leben nicht lebenswert. Aber zum Glück gibt es ja Pelikanhilfsstationen, in denen man sich einen dieser prachtvollen Vögel aussuchen kann.

Ich fuhr mit einem kleinen spitzen Schrei von meinem Nachtlager auf. Es war noch nicht einmal halb zehn, aber ich wusste sofort, was zu tun war: Ein Pelikan musste her – und zwar schleunigst. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Ich kümmere mich nicht viel um andere Leute – die Menschen leben ihr Leben, ich lebe das meine. Aber dass ich offensichtlich der einzige Mensch in der gesamten Nachbarschaft ohne Pelikan war, machte mich stutzig. Und neidisch. Ich wollte auch einen so prachtvollen Vogel haben!

Also setzte ich mich an den Computer und kämmte das ganze Internet durch. Endlich stieß ich auf eine Anzeige: „Pelikanhilfe Nottuln: Hier finden Sie unsere Pelikane, die einen dauerhaften Platz in einem neuen Zuhause suchen.“ Ich klickte die herrlichen Pelikanbilder durch. Ich konnte mir nichts anderes im Leben mehr vorstellen, als solch einen großen Vogel zu haben.

Sofort rief ich bei der Pelikanhilfsstation an, denn ich hatte mir schon ein Tier auf der Website ausgesucht. Er hieß Django und sah reizend aus. Die Pelikanbetreuerin empfing mich nur wenige Stunden später und präsentierte mir Vogel um Vogel – alle watschelten an mir vorbei, waren auf ihre Art wunderschön und taten alles, um mir zu gefallen, nur Django war nicht dabei.

So wollte ich mich aber nicht verkackeiern lassen. „Was ist denn mit Django?“, fragte ich aufgeregt. Die Pelikanbetreuerin räusperte sich verlegen, druckste etwas herum, drehte sich ein paar Mal um sich selbst, bevor sie sich einige zaudernde Worte abringen konnte: „Der Django kann andere Pelikane nicht ausstehen. Er eignet sich also nicht als Zweitpelikan. Außerdem hasst er Kinder. Und er hat fürchterliche Angst vor Fotoapparaten. Und vor Staub. Der Django ist eigentlich nicht vermittelbar.“

Ich herrschte das betrügerische Weib an: „Wer zum Teufel hat etwas von einem Zweitpelikan gesagt? Ich besitze nicht mal einen einzigen, und ich will verdammt nochmal einen haben! Und ich will Django!“ Nun sagte die Hexe, die Django nicht herausgeben wollte, mit einem siegessicheren Lachen: „Der Django frisst ausschließlich lebendige Wildtauben. Und er bevorzugt Männer.“

Das mit den Männern schien ihr Trumpf zu sein. Da konnte ich nur lachen! Unverzüglich ließ ich mir eine Glatze, einen Bart und eine Rückenbehaarung wachsen. Ein Bierbauch ergab sich quasi von selbst, und eine Wildtaubenzucht zauberte ich aus dem Ärmel. „Und wie sieht es jetzt aus?“, fragte ich triumphierend.

Die unlautere Frau gab klein bei und holte endlich Django aus einem verborgenen Winkel hervor, der bisher von einem geheimnisvollen roten Vorhang verdeckt worden war. Django war so gewaltig und gigantisch, dass es mir beinahe den Atem verschlug. Ich klemmte ihn mir unter den rechten Arm und brachte ihn nach Hause. Und seither sitzt er da und starrt mich unentwegt aus weisen, dunklen Augen an. Manchmal kackt er auch. Das ist ein irgendwie beruhigendes Gefühl.

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