Die Wahrheit: Motz, moser, maul

Der Zuspruch ist groß. Bernd Ottke ist dennoch unzufrieden mit den den vielen Teilnehmern seines ersten Nörgelseminars an der Volkshochschule Hannover. Seine Idee,...

Ein Großmeister des Nörgelns versucht, seine Kunst auf den Punkt zu bringen: Bernd Ottke in Aktion. Bild: dapd

... den Bürgern eine der gesellschaftlich wichtigsten Kommunikationsformen, das Nörgeln, auf einer theoretischen Basis näherzubringen, schlägt zwar voll ein, aber: "Ich habe festgestellt, dass das Nörgeln in unserer Gesellschaft zwar noch einen hohen Stellenwert besitzt, aber viele wissen gar nicht mehr, wie man gut und richtig nörgelt. Die wissen das einfach nicht. Das ist doch nicht auszuhalten. Wie dumm ist denn diese Gesellschaft, bitte schön?" Langsam nörgelt sich der schlanke Mittfünfziger in Rage.

Nörgeln will gelernt sein. Und so hat der ehemalige Schauwerbegestalter einen mehrwöchigen Kurs an der Volkshochschule Hannover vorbereitet: "Vom Nörgeln und seinen Nuancen. Die Nörgelkultur als Bestandteil des gesellschaftlichen Miteinanders." Monatelang hat er dicke Bücher aus Klosterbibliotheken gewälzt, sich aber auch durch aktuelle Literatur gearbeitet. "Das war die Hölle, das kann ich Ihnen sagen." Überall begegneten dem Nörgelmeister Formen des Nörgelns. Mischformen zumeist, die ihm manches Mal einen Stich versetzten. "Nörgelei ist eine Beschäftigung mit sich selbst", grantelt der barsche Hannoveraner. Wer viel nörgele, der sei auch besonders selbstreflexiv, so die These von Ottke, die er gern auch lautstark skandiert. Dass die Nörgelei ein typisch deutsches Phänomen sei, ist in seinen Ausführungen selbstverständlich.

Besonderen Anklang finden bei den Kursteilnehmern seine Rollenspiele, die den Alltag widerspiegeln. Kleine Schnappschüsse aus dem Leben. Der Bierkauf am Kiosk, der Friseurbesuch, der Elternabend an einer Grundschule. Jede Situation lebt von einem ganz eigenen Nörgelcode. Schnell kann dabei ein falsches Nörgeln zu einer Diskussion führen, und die Diskussion ist der Todfeind jeder guten Nörgelei, so Ottke.

Mit einem Auge, das seine Menschenkenntnis beweist, sucht er sich im Seminarraum Grüppchen zusammen, die dann gemeinsam nörgeln dürfen. Bernd Ottke greift gern nörgelnd in diese Übungen ein. Und das gar nicht mal so selten. "Die haben ja kein Auffassungsvermögen, diese Leute. Die können ja nichts, gar nichts, nicht mal nörgeln", brummelt er, während er durch die Reihen wandert.

Dabei zeigt sich, dass die Nörgelei sogar ein Mittel zur gesellschaftlichen Integration sein kann. So bei Jussef Celik, der vor drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist. Er hat viele Freunde, einen Schlüsseldienst und einen deutschen Pass, aber eines fehlt ihm immer noch: ein subtil akzentuiertes Nörgeln, gerade in alltäglichen Situationen. "Wenn ich einen Schlüssel mache und dann geht was schief, dann würde ich schon gerne mal nörgeln. So richtig. Meistens vergesse ich mich aber und werde nur wütend. Das möchte ich gerne ändern."

Bernd Ottke weiß genau, wie er mit solchen Fällen umzugehen hat. Gekonnt verwickelt er Jussef Celik in ein Nörgelgespräch über das Nörgeln. Schnell wird der mosernde Migrant laut, aber der alte Nörgler bringt ihn in wenigen Schritten dazu, sein Temperament zu zügeln und in die richtige Richtung zu lenken. Und so lauscht er gebannt den Vorgaben des Seminarleiters. Der erfahrende Altnörgler grummelt kehlig Urlaute in den Raum hinein, stößt gepresst seinen Atem aus, bis sein Brustkorb erbebt und die Körperspannung auf sein Denkzentrum gelenkt wird. Urplötzlich stößt er ein harsch mauliges "Es wird ja auch alles immer schlimmer" aus. Jubel bricht los unter den anwesenden Nörgellaien. Sie spüren, dass hier gerade etwas Wunderbares geschehen ist. Sie sind Zeugen einer Epiphanie, einer geradezu göttlichen Erscheinung geworden. Auch Jussef Celik weiß das. Leicht beschämt wischt er sich eine Träne aus dem Auge. "Das war so schön."

Bernd Ottke kennt seine Gabe. "Ich könnte den ganzen Tag nörgeln. Das will ich den Leuten beibringen, aber die kapieren es doch nicht." Am Ende des Seminars gehen die Teilnehmer in kleinen Grüppchen nach Hause. Angeregt nörgeln sie herum. Allen voran Jussef Celik. Am Fenster des Seminarraums steht Bernd Ottke, die Hand zur Faust geballt und gegen den Abendhimmel wetternd. Es war ein guter Tag.

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