Die Wahrheit

Feierabend im Baumarkt

Schwabinger Krawall: Wie man nicht vom Praktikanten zum Theoretikanten aufsteigt und warum stattdessen der Kittel in einen Papierkorb flog.

Die Eltern vom Jackie haben einen Riesenterror gemacht, wie sie ihn nachmittags bei offener Wohnungstür auf dem Teppich schlafend vorgefunden haben. Sein Vater hat gefragt, was er eigentlich arbeitet, und da ist er so erschrocken, dass er statt der Milch ein Bier aus dem Kühlschrank genommen und den Irrtum erst nach dem zweiten Schluck bemerkt hat. Das sei der Gipfel, hat sein Vater getobt, und wenn er nicht am Montag aufs Arbeitsamt gehe, sei der Ofen aus.

Also hat der Jackie den Hubsi angerufen, ob er schon mal auf dem Arbeitsamt war. Der Hubsi hat gesagt, Arbeit sei nur was für Wahnsinnige, Geld kriege man dafür keines, und soweit er gehört habe, gebe es ein Arbeitsamt sowieso nicht mehr, sondern nur so einen Servicepoint, also solle der Jackie lieber schauen, dass er nüchtern werde, weil abends die Sause vom Auspuff-Hansi sei, wo es Gratissekt ohne Ende gebe.

Der Jackie hat aber so Angst gehabt, dass er im Telefonbuch nachgeschaut und bei einer „Arbeitsagentur“ gefragt hat, wo das Arbeitsamt ist, und da hat er einen Termin am Montag um acht gekriegt. Dann ist er mit dem Hubsi zu der Sause und noch wohin und noch wohin, und am Ende hat er, weil er „Kapuzinerstraße“ nicht mehr sagen hat können, dem Taxifahrer einen zerknitterten Zettel hingehalten, ist um dreiviertel acht in die Arbeitsagentur hineingetorkelt und in ein Zimmer zu einer Dame geschickt worden.

Die Dame hat gefragt, ob er einen Abschluss habe, und der Jackie hat erklärt, so alt sei er noch nicht, dass er irgendwas als abgeschlossen betrachten könne. Da hat sie ihm eine Adresse gegeben und gesagt, dort solle er sich melden. Also ist der Jackie zu einem Baumarkt in Milbertshofen geradelt, wo ihm eine hübsche Abteilungsleiterin einen blauen Kittel gegeben und gesagt hat, er solle in der Gartenabteilung gießen. Das ist dem Jackie bald langweilig geworden, und so hat er zu der Abteilungsleiterin gesagt, ihm sei von der Arbeit total heiß und ob er ein Bier haben könne, dass sie eine süße Maus sei und dass er mit ihr seinen Einstand feiern wolle, dass er mit der Arbeit eigentlich fertig sei und ob er sein Geld haben könne.

Die Abteilungsleiterin hat gesagt, Feierabend sei um acht, und für Praktikanten gebe es kein Geld, und da wollte der Jackie fragen, wie man vom Praktikant zum Theoretikant wird, aber weil er das Wort noch nie gehört hat, hat er den Kittel in einen Papierkorb geworfen und ist gegangen.

Am Chinesischen Turm hat er sich eine Maß gekauft und den Hubsi gefragt, woher er gewusst habe, dass man für Arbeit heutzutage kein Geld mehr kriege, wo er doch noch nie einen Finger gerührt habe. Nach der dritten Maß sind sie nach Milbertshofen geradelt, um die Abteilungsleiterin abzuholen, haben sich aber so verirrt, dass der Jackie den Baumarkt nicht mehr gefunden hat, und wie sie gegen Mitternacht in Feldmoching gelandet sind, sich an einer Tankstelle vier Bier geholt haben und in der Morgendämmerung im S-Bahn-Wartehäuserl aufgewacht sind, hat er sich gedacht, dass das wohl auch besser so war.

Die Wahrheit auf taz.de

Einmal zahlen
.

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit. Sie hat den ©Tom. Und drei Grundsätze.

Wenn Sie bei der taz anrufen, bekommen Sie keine gewöhnliche Warteschleife zu hören. Bei uns liest die Wahrheit ihre Gedichte vor!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de