piwik no script img

Die Schandflöte

■ Anmerkung zur akustischen Verantwortung im Mittelalter

Wer sich auch nur einigermaßen mit der Organisation des Sexuellen in postmodernen Gesellschaften auskennt, wird beim Besuch der Folterkammer im sehenswerten, aber völlig überlaufenen Requier wohl nur ein müdes Lächeln hervorquetschen können. Wie falsch, wie falsch! Zeitgenössische Stiche, die nur sieht, wer ein Feuerzeug oder ein anderes Leuchtinstrument mit sich führt, zeigen die brutale Konsequenz der Torturen, denen die Verurteilten in diesem Folterturm ausgesetzt waren. Daß solches Gerät nun ausgerechnet – natürlich nuanciert – im Bereich der Lust wieder auftaucht, ist ein äußerst interessantes Thema, wird aber hier, rein aus Platzgründen, nicht einmal gestreift. Die restlichen Zeilen gehören allein der Schandflöte, die ebenfalls im Folterturm in Requier zu besichtigen ist: Nur auf den ersten Blick erscheint die Schandflöte als Blasinstrument, trompetenähnlich, der zweite Blick zeigt anstelle der Tasten oder Flötenlöcher zehn Daumenschrauben. Einen Pfeifenkopf oder ein Mundstück sucht man vergeblich. Dafür gibt es einen Eisenring mit einem Durchmesser von cirka 25 Zentimetern, an dessen Innenseite Metallspitzen von ungefähr vier Zentimetern Länge angebracht sind. So ausgestattet wurden – man höre und staune – schlechte Musiker durch die Straßen getrieben und zur Schau gestellt. Ein mittelalterlicher Schnell- Lehrgang in Sachen akustische Verantwortung. Alle zehn Finger in Daumenschrauben eingeklemmt und das Ganze im Eisenring am Hals fixiert. Wehe, wenn die Arme lahmten: die Stahldorne spießten unerbittlich Delinquentengurgeln auf. Nur gut, daß der Folterturm so abgelegen ist. Nur gut, daß sich kaum ein Musikkritiker dorthin verirrt. Nur gut, daß emanzipierte Hörerinnen und Hörer den Foltertum nicht zur Pilgerstätte wählen. Das muß unbedingt so bleiben! Wie furchtbar wäre es für all die Dudelfunker, Schandkrähen, Pisepampeljauler, Ätherficker und Schmalzsirenen, wenn irgend jemand plötzlich auf die Idee käme, die Schandflöte in Serie zu produzieren, um genannten Personenkreis damit auf Marktplätzen der Lächerlichkeit preiszugeben. Das geht nicht! Dafür sind unsere Marktplätze zu klein. Aus diesem Grunde wird auch hier nicht verraten, daß sich Riquier – und damit der Folterturm und damit das Original – im Elsaß, unweit von Colmar befindet. Wolfgang Hanfstein

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen