Die Ökonomie des Kiffens: "Der Markt lechzt nach Biogras"

Wer aus ökonomischen Gründen Handel mit Marihuana als Droge betreibt, investiert in der Regel im Kilobereich, sagt Hanfparaden-Organisator Steffen Geyer. Kleinere Mengen lohnen meist nicht.

Nur ein Zug unter vielen: Eine halbe Million Euro werden täglich in Berlin verqualmt Bild: AP

taz: Guten Morgen Herr Geyer, es ist jetzt 10 Uhr. Haben Sie heute schon einen geraucht?

Steffen Geyer: Nein, ganz sicher nicht. Denn wenn um halb elf das Telefon klingelt, will ich natürlich nüchtern sein. Außerdem bezweifle ich, dass Drogen den Tag bereichern, wenn man sie so früh schon genießt.

Der Rausch von Hanf ist noch immer verboten. Und trotzdem lässt sich mit dieser äußerst robusten Nutzpflanze in Berlin sehr viel Geld machen - ganz legal. Zwar sind die größten Absatzmärkte noch immer mit dem Drogengenuss verbunden. Gleichzeitig steigen aber besonders die Umsatzzahlen von Kosmetik- und Textilprodukten. Heute findet in Berlin zum 13. Mal die Hanfparade statt. Die Organisatoren erwarten bis zu 3.000 Menschen, die für die Legalisierung von Hanf als Rohstoff, Medizin und Genussmittel demonstrieren. Beginn ist um 13 Uhr am Berliner Fernsehturm.

Wir wollten eigentlich auch nicht übers Kiffen reden, sondern übers Geld. Wie viel wird denn jeden Tag in Berlin für Gras ausgegeben?

Das lässt sich natürlich nur schätzen. Wir gehen davon aus, dass es etwa 300.000 Kifferinnen und Kiffer in Berlin gibt, die im Durchschnitt 2 Gramm pro Woche verbrauchen. Das macht gut 85.000 Gramm am Tag. Bei einem durschnittlichen Endpreis von 6 Euro pro Gramm macht das mehr als eine halbe Million Euro, die täglich in Berlin verraucht wird.

Mensch, davon könnte man ja richtig schöne Sachen kaufen!

Genussmittel sind doch schöne Sachen. Die meisten konsumieren ja Marihuana oder Haschisch, weil es einen Lustgewinn bringt. Andere Freizeitaktivitäten sind da nicht unbedingt günstiger.

Wer profitiert denn am meisten von diesem umstrittenen "Freizeitmarkt"?

Die Herstellung von einem Gramm Marihuana kostet etwa 15 Cent. Der Endpreis liegt in Berlin bei etwa 6 Euro. Den größten Teil dieser Spanne verdienen dabei natürlich die Zwischenhändler. Das ist genauso wie beim Handel mit Bier oder Wäscheklammern.

Und wie sind diese Zwischenhändler organisiert?

Eines zumindest ist klar: Das klassische Bild vom arabischen Parkdealer spielt die geringste Rolle. Die Kriminalitätsstatistik zeigt: In der Regel sind es männliche Deutsche über 30, die die größten Profite mit Gras und Hasch machen. Um dieses Geschäft professionell betreiben zu können, benötigen sie Mindestinvestitionen von etwa 10.000 Euro. Erst ab dieser Summe beginnt es, lukrativ zu werden.

Wieso das? Auch wer nur kleine Mengen dealt, kann doch schon ganz gut sein Taschengeld aufbessern.

Aber bei größerem Finanzeinsatz stehen die Strafen in einem anderen Verhältnis zum möglichen Gewinn. Ob man mit 100 Gramm oder mit 2 Kilo erwischt wird, macht vor Gericht nicht den großen Unterschied. Wer aus ökonomischen Gründen Handel treibt, investiert also im Kilobereich. Die Kleinhändler in den Parks sind zwar die, die am rigidesten verfolgt werden, aber obwohl sie das größte Risiko tragen, erwischt zu werden, können sie froh sein, wenn sie am Ende des Tages für ihren Lebensunterhalt sorgen können.

Reden wir mal über die Produzenten. Wie ist denn der Berliner Grasmarkt strukturiert?

Ich schätze, dass etwa 20 Prozent des Berliner Grases von sogenannten Kleingrowern angebaut werden. Das ist ein relativ neues Phänomen: Nutzer bauen zu Hause in kleinen Zuchtschränken auf zwei Quadratmetern ihre Pflanzen an, rauchen einen Teil und verkaufen den Rest. 30 bis 40 Prozent dürften aus professionellem Großanbau aus Lagerhallen in Berlin und Umgebung stammen - und der Rest kommt vornehmlich aus den Niederlanden.

Was die Duldung des Eigenkonsums angeht, ist Berlin eines der liberalsten Bundesländer. Wer weniger als 9 Gramm Hasch in der Tasche hat, wird in der Regel nicht verfolgt. Das sind für Kleinkonsumenten doch ganz liberale Handelsbedingungen.

Da verwechseln Sie etwas. Erstens: Der Besitz ist immer verboten, aber bis zu 9 Gramm gibt es in der Regel keine Strafe. Zweitens: Handel wird generell geahndet. Wer sein Gras in zwei Tütchen mit sich trägt, macht sich bereits schuldig.

Welche Handelspolitik würden Sie sich für den Berliner Grasmarkt wünschen?

Na ja, auf staatliche Fördermaßnahmen kann dieser Markt locker verzichten. Ein Umsatzproblem gibt es nicht. Wir würden uns natürlich wünschen, dass die Verbraucher die Qualität ihres Produkts prüfen können. Legale Produktion, legaler Transport, legaler Vertrieb - all das würde natürlich dazu führen, dass die Verbraucher eine Produktsicherheit haben - und sich gegen ungesunde, gestreckte Rauchmischungen und für regional angebautes Biogras entscheiden könnten.

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