Die Nomenklatur der Scheide: Was ist so weich wie Seide?

Immer noch gesucht: Das beste Wort für den Ursprung der Welt. Eva Mirasol hat zum Frauentag darüber ein Lied geschrieben.

Eva Mirasols Kopf von der linken und der rechten Seite. Sie spiegelt sich. In der Mitte Eva Mirasol in einem Scheiden-Konstüm.

Foto: Eva Mirasol/YouTube/Screenshot taz

„Der Ursprung der Welt“ hat Gustave Courbet sein Gemälde genannt, das er im Jahr 1866 für den türkischen Diplomaten Halil Şerif Paşa malte. Wer das Bild sehen durfte, Şerif Paşa versteckte es vor seinen Besuchern, blickte auf die nackten Schenkel und die behaarte Vulva einer Frau.

Die gotteslästerliche Idee, den Ursprung der Welt nicht in einem Schöpfer, sondern im Schoß der Frauen zu sehen, muss noch im 20. Jahrhundert als so skandalös empfunden worden sein, dass Jacques Lacan und Sylvia Bataille, in deren Landhaus das Bild seit 1955 hing, eine Konstruktion bauen ließen, die Courbets Werk hinter einem anderen Gemälde verbarg, das bei Bedarf zur Seite geschoben werden konnte und erst dann den Blick auf den Ursprung der Welt freigab.

Im Jahr 1988 wurde das Bild erstmals öffentlich ausgestellt, heute hängt es im Pariser Musée d’Orsay.

Auch wenn neuerdings wieder versucht wird, als sexualisiert oder anderweitig inkriminierte Darstellungen aus den Museen zu verbannen, ist bald 150 Jahre nach der Entstehung von „Der Ursprung der Welt“ das Zeigen des primären weiblichen Geschlechtsorgans kein Skandal mehr. Aber wie man es benennen soll, ist weiterhin ein Problem, von dem taz-Autorin Eva Mirasol ein Lied singen kann: „Ich merke, wie ich leide, es gibt kein gutes Wort für Scheide. Bitte küss mir die Möse, ich hab’s versucht, klingt mir zu böse. Ich glaub, ich muss mich entscheiden, Ef oh te zet eh würd ich gerne vermeiden. Vagina und Vulva ist mir zu steril, und Muschi fehlt irgendwie ’n bisschen der Stil.“ Zu diesen Zeilen singt und tanzt Mirasol mit Perücke und manchmal auch im Vulvakostüm in einem Video, das den Titel „Der Ursprung der Welt“ trägt.

Das wiederum erinnert an das Lied „Penis – Vagina“ von Foyer des Arts von 1988, worin Max Goldt mittels der medizinischen Nomenklatur die Sprache der Sexualkunde karikiert: „Der Penis dringt ein in die Vagina und verweilt dort solang er kann.“ Penis und Vagina nennt Goldt ein „weltweit bewährtes Team“, um sodann die darin ausgedrückte heteronormative Ordnung ironisch zu unterlaufen: „Es gibt auch Ausnahmen, gab es immer. Zu denen geht man nicht aufs Zimmer.“

Eva Mirasol hat ihr Lied zum Frauentag 2020 in einem psychedelisch anmutenden Videoclip auf Youtube gestellt. Am Ende ihrer Grübeleien, wie man jene Quelle der Freude denn nun nennen soll, kommt sie zu dem Schluss: „Was reimt sich denn so schön wie Scheide, ist so weich wie Seide, eine Augenweide? Ich sag, vergiss den Rest und vergiss Mimös­chen und sag, du hast eine Scheide im Höschen.“

Heute kann man Courbets Werk in Millisekundenschnelle per Suchmaschine aufrufen. Selbst in der „Sesamstraße“ wurde das Bild schon gezeigt, allerdings verdeckt der Haarschopf von Bernie das Zentrum des Bilds, was ein immerhin humorvoller Umgang mit puritanischen Zeigeverboten ist, die sich in Zeiten des Internets ohnehin nicht mehr durchsetzen lassen.

Dass Scheide, das althochdeutsche Wort für Hülle und Grenze, am Ende in ihrem Lied gewinne, sagt Eva Mirasol, liege auch ein wenig am Reim.

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