Berliner Szene: Die Lego-Uhr
Terrorist und Tourist
Fup kommt von der Kita nach Hause und hat einen Edelstein in der Tasche. Er sagt, er habe ihn auf dem Spielplatz gefunden. Am nächsten Tag hat er schon wieder einen gefunden. Manchmal sind es sogar zwei.
Auch eine Lego-Uhr mit Obi wan Kenobi auf dem Zifferblatt hat er auf dem Spielplatz gefunden. Ich sage: „Das glaubst aber auch nur du.“ Er sagt: „Nicht nur ich.“ Ich sage ihm, dass ich ihm nicht glaube. Er sagt, er habe sie geschenkt bekommen. Ich glaube ihm immer noch nicht und sage, dass wir die Uhr zurückgeben müssen. Jetzt will er auch eine Lego-Uhr, aber eine mit Darth Vader. Nadja kauft ihm tatsächlich eine Lego-Uhr mit Darth Vader. Nach einem Tag in der Kita ist die Uhr kaputt. Fup ist todunglücklich und erzählt eine sehr undurchsichtige Geschichte von einem seiner Kumpels, der so gedrückt hätte, dass die Uhr kaputtgegangen sei. Ich sage, dass doch nur der Minutenzeiger kaputt sei. Wichtig seien der Sekundenzeiger, um zu wissen, wie lange man die Luft anhalten könne, und der Stundenzeiger, um zu wissen, um wie viel man zu spät gekommen sei. Fup tröstet das aber nicht.
Nach weiteren zwei Stunden ist die Uhr ganz weg. „Hat ja lange gehalten“, sage ich. Fup weint und will eine neue Uhr. Nadja sagt: „Das kannst du dir abschminken. Da musst du schon ein bisschen besser aufpassen.“ Fup weint immer noch und beteuert seine Unschuld. Und zwar sehr ausführlich. Und ohne Pause. Nadja ist sauer und verschwindet. Ich bin auch am Ende. Irgendwann sage ich: „Du Terrorist.“ Fup sagt: „Und du bist ein Tourist.“ Als sich Fup wieder beruhigt hat, frage ich ihn beiläufig: „Weißt du eigentlich, wo Nadja ist?“ Und Fup sagt: „Ich glaube, sie hat einen Nervenzusammenbruch.“ Ich sehe ihn misstrauisch an. „Aber ich war’s nicht“, fügt er hinzu.
Klaus Bittermann
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