piwik no script img

Die Konterrevolutionäre mobilisieren

Die einen scheren nach links aus, die anderen nach rechts. Während die Sansculotten von heute zur Bastille ziehen, schmieden ihre Gegener alte Eisen im Feuer. Die Konterrevolution ist noch lange nicht entwaffnet. Eine „Vereinigung 15.August 1989“ will für diesen Tag - in Frankreich wird am 15.August Maria Himmelfahrt gefeiert eine halbe Million Menschen mobilisieren.

Auf der „Place de la Concorde“, wo einst die Guillotine stand, will man eine große Sühnemesse zelebrieren. Anders als den jungen Republikanern, die gerade ihre Unzufriedenheit über den Verrat „ihrer“ Revolution durch die sozialistische Regierung demonstriert haben, geht es den „Kontras“ von heute darum, die Revolution überhaupt zu diskreditieren.

Ein Mann steht dabei besonders im Blickpunkt. Philippe de Villiers ist Mitglied der rechtsliberalen „Parti Republicain“, also ein waschechter „Republikaner“, was ihn nicht daran hindert, lauthals die während der Geburtsstunden der Republik begangenen Greueltaten an den Pranger zu stellen. Er stammt aus dem Departement Vendee südlich der Loire, dessen Verwaltung er heute als Präsident des „conseil general“ vorsteht.

Vor 200 Jahren kämpften hier „Blaue“ gegen „Weiße“, Republikaner gegen Monarchisten, Paris gegen die Provinz. Die Bauern im Westen Frankreichs fühlten sich bald von den städtischen Bürgern benachteiligt, die sich im Ankauf der enteigneten Kirchen- und Adelsgüter großtaten. Aufstände flackerten auf, an denen lokaler Kleinadel, Bauern und flüchtige Priester teilnahmen. Eine Niederlage in der Vendee konnte sich keine der in Paris rivalisierenden politischen Gruppen leisten. Kaum waren die Sansculotten an der Macht, wurden die Aufstände besonders blutig niedergeschlagen. Aus dem Departement Vendee wurde das Departement Venge, die „gerächte Vendee“. Etwa ein Drittel der einheimischen Bevölkerung kam dabei um.

In der Vendee ist man heute noch nicht gut auf Paris und die Republik zu sprechen. Den 14.Juli übergeht man Jahr für Jahr schweigend. Statt dessen sind zahlreiche lokale Geschichtsinitiativen am Werk, die Zeugnisse und mündliche Überlieferungen der Familien aus den Vendee-Kriegen sammeln. Eine Art Geschichte von unten - und von rechts.

Die Orthodoxe linke Revolutionsgeschichtsschreibung hat immer Berührungsängste mit diesem Kapitel blutiger Regionalgeschichte gezeigt. Um so besser konnten darum rechte Historiker wie Pierre Chaunu die Ereignisse in der Vendee als „innerfranzösischen Völkermord“ ausschlachten, die in einer Linie bis nach Auschwitz und Kombodscha geführt hätten.

Darauf schwenkt ein Philippe Viliiers gerne ein. Er wandert gerade mit einer Art öffentlichem Lästerbrief durch die Fernseh-Talkshows und hat daheim ein gigantisches Spektakel mit Lasershow über die Geschichte der Vendee in der romantischen Kulisse eines Schlosses initiiert. Hunderte von freiwillligen Helfern kommen aus den um liegenden Dörfern. Der Erfolg ist durchschlagend: Sommer für Sommer zieht es Zehntausende von auswärtigen Besuchern an. Der mächte Provinzpolitiker de Villiers, der unter dem ehemaligen Kulturminister Leotard bereits einmal Staatssekrtär war, ist auch ein cleverer Kulturmanager.

Die Konterrevolution hat ihre Historiker wie Pierre Chaunu, ihre Prediger wie den katholischen Integristen Kardinal Lefebvre, und sie hat ihre Politiker und Macher wie den 40jährigen Philippe de Villiers - ein offensichtlich frommer Mann, denn er ist Familienvater von sechs Kindern.

Die verschiedenen Strömungen fließen zusammen in der „Vereinigung 15.August 1989“, die eine eigene Zeitschrift mit Namen 'Anti 89‘ publiziert. Chefredakteur dieses konterrevolutionären Bulletins ist Fran?ois Brigneau, sonst Herausgeber des Hausblattes ('Natinal Hebdo‘) der rechtsextremen Front National. Am 15.August wollen die „Weißen“ Farbe bekennen - ihre Flagge bedeutet kein Friedensangebot.

Sabine Seifert

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen