piwik no script img

Die Farben der Blaumeise

■ Wolfgang Müller, stadtbekannter Spezialist gewisser Vögel, zeigt im Schwulen Museum „Noten“ seiner Islandreise

Das Schwule Museum am Mehringdamm ist prima, nicht nur wenn es regnet, und Wolfgang Müller ist ein neugierig-ironischer Künstler. In „Die Riesen werden mich für Argur halten“ präsentiert das blaumeisenbegeisterte Ex- Mitglied der legendären „Tödlichen Doris“ die eher unspektakulären Früchte eines halbjährigen Islandaufenthalts.

Großformatige Naturfotografien zeigen Orchideen, ein kleines weibliches Odinshühnchen, das in einem Teich herumschwimmt, und einen phallusförmigen Grabstein aus Reykjavik. Ganz undogmatisch geht es um Geschlechterwechsel. Lehrreiche Texttafeln erklären, daß „das bunte Gefieder“ der Odinshuhnweibchen und „ihre Kampfeslust“ von einer „relativ starken Absonderung männlicher Hormone in den Eierstöcken“ herrühren, daß das griechische Wort „orchis“ ursprünglich „Hoden“ bedeutet und daß unter dem Phallusgrabstein „eine Mutter mit ihren vier Töchtern begraben liegt. Wie man an den Nachnamen der Töchter sehen kann, hatten alle verschiedene Väter. In den 70er Jahren wurde das Grab Treffpunkt von Anhängern Aleister Crowleys und H.P. Lovecrafts, die dort magische Rituale zelebrierten.“

Müller liebt Island. 14 Porträtaufnahmen plus prägnante Interviewtexte vermitteln das Bild einer sympathisch unentfremdeten Welt, in der der Himmel immer blau, der „Käpt'n Blaubär“-Übersetzer Gründer des isländischen Bikerclubs ist, der Pferdepfleger seine Freizeit im Tätowierclub verbringt und „selbst die Verkäuferinnen in der Abteilung für Damenunterwäsche ausgesprochen nett“ zu Transvestiten sind. Der Popstar Óskar Hjalmtysson lächelt schöner noch als der junge Marc Almond ins blöde Berlin, und ein langhaariges Mitglied der „Schwulen anonymen Alkoholiker“ erklärt, daß in Island so viel getrunken werde, weil „die Isländer etwas zu stark gehemmt und sehr verschlossen“ seien. „Das Betrinken bis zum Umfallen wird als Möglichkeit gesehen, sich zu öffnen.“

Ein blauer und ein gelber (die Farben der Blaumeise) Wollpolyp, angefertigt von der Mutter des Künstlers, hoffen, „du hast genug Kondome mitgebracht“, sympathisch karg lockt das Schaufenster des „einzigen Sexshops“ in Reykjavik, blau leuchtet „das einzige Kleid des einzigen Transvestiten“. Seltsam komisch ist auch ein seltsam-komischer Kurzfilm von Müller und Aikiko Hada, in dem Kristbjörg Kjeld, die Grande Dame des isländischen Theaters, sich weigert, eine putzig ausgestopfte Blaumeise zu verkaufen, denn auch putzig ausgestopfte Blaumeisen unterliegen dem Singvogelartenschutzgesetz.

Was in der Großstadt unübersichtlich ist und entfremdet, wiederholt der Künstler freundlich im kleinen, ohne doch ins Niedliche abzudriften. Das ist sehr angenehm. Mehr erklärt Müller in seinen Führungen. Detlef Kuhlbrodt

„Die Riesen werden mich für Argur halten – Island-Noten“ von Wolfgang Müller, bis 28.5., Mi.–So. 14–18 Uhr (Führungen Sa. 17 Uhr), Schwules Museum, Mehringdamm 61, Kreuzberg.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 330 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen