Die Europäische Chemiekalienagentur: 100.000 Giften auf der Spur

Am 1. Juni nimmt in Helsinki die Europäische Chemiekalienagentur ihre Arbeit auf. Unter die EU-Kontrollverordnung Reach fallen zehntausende Substanzen, die die Industrie nach Helsinki melden muss.

Greenpeace-Protest gegen Alltagschemie: Noch verwendet die Industrie 100.000 Substanzen - für Computer, Stifte oder Unterhosen. Bild: dpa

Helsinki taz Im Raum von Björn Hansen knallt und explodiert nichts. Der Mann hält kein Reagenzglas in der Hand, er trägt auch keine Schutzbrille. Vielmehr sitzt er in weißem Hemd und grauer Hose am Schreibtisch. Dabei ist Hansen verantwortlich dafür, die Gefährlichkeit von Chemikalien abzuschätzen.

Noch verwendet die Industrie 100.000 Substanzen - für Computer, Stifte oder Unterhosen. Deren Langzeitwirkungen sind heute noch gar nicht bekannt. Das soll sich nun ändern - mit Hansens Hilfe. Und mit der Europäischen Chemiekalienagentur in Helsinki, die idyllisch am Alten Kirchhof, dem Vanha Kirkkopuisto, mitten in einem der teuersten Viertel der finnischen Hauptstadt liegt.

Hansen ist studierter Mathematiker und Chef der Abteilung Operations, des Kerns der neuen Superbehörde. Vom 1. Juni an sollen er und seine Kollegen dafür sorgen, dass das Leben der Verbraucher sicherer wird. Ob das klappt, hängt davon ab, wie unabhängig die Behörde arbeiten wird.

An Finnland erinnert im Inneren der Behörde nichts mehr. Statt skandinavischen Designs karge Behördenflure. Statt der Schilder "naisille" oder "miehille" kleben auf den Toilettentüren DIN-A4-Blätter mit der Aufschrift "Ladies" oder "Gentlemen". Und im Hinterhof schuften Bauarbeiter am Konferenzzentrum, das noch schnell hochgezogen wird - für die Chemieexperten, die mindestens hundertmal im Jahr tagen sollen.

90 Millionen Euro sind jedes Jahr für die Behörde veranschlagt. Noch nicht eingerechnet, dass die Stadt Helsinki extra einen Beamten eingestellt hat, der sich derzeit um die Neuankömmlinge kümmert und ihnen dabei hilft, exklusive Wohnungen zu suchen.

Tatsächlich hat sich die EU lange Zeit nicht um die Risiken von Alltagschemikalien geschert. Doch nun wird die Industrie verpflichtet, die von ihr produzierten oder verarbeiteten Stoffe eigenhändig zu prüfen - und Daten nach Helsinki zu liefern, die die Harmlosigkeit belegen sollen. Für Hansen und seine Kollegen ist das vor allem eins: ein enormer Aktenjob. Im Labor steht keiner von ihnen.

Verbraucherfreundlich?

Bis 2018 müssen sie die Substanzen, die die Industrie ihnen meldet, peu à peu registrieren und die Tests begutachten. Die Idee: Diejenigen Stoffe, die in Verdacht geraten, Krebs zu erzeugen, Spermien zu schädigen oder etwa das Grundwasser stark zu belasten, werden ausgesondert. Das klingt verbraucherfreundlich. Doch ob es das auch wird, ist längst noch nicht klar.

Hansen zieht die Reach-Richtlinie aus der Aktentasche und schlägt immer wieder nach. Jeder seiner Kollegen hat an seinem Arbeitsplatz ein schon zerlesenes Exemplar; der eine markiert wichtige Stellen mit gelben Memozetteln, der andere mit rosa Leuchtstift. Die Richtlinie ist so etwas wie das Grundgesetz der Agentur. Und noch Auslegungssache.

So viel steht fest: Sie werden sich mit allen Substanzen beschäftigen, von denen Hersteller und Importeure in einem Jahr mehr als eine Tonne produzieren oder einführen. Denn diese fallen unter die Kontrollverordnung - rund 30.000 Stoffe insgesamt. Und je mehr ein Hersteller von einer Substanz produziert, umso umfangreicher werden die Testdaten sein, die er abliefert.

Hansen und seine Kollegen werden diese chemischen Sicherheitsberichte checken, allerdings nicht Zeile für Zeile lesen. Hansen erzählt: "Wir werden sie aber im Internet veröffentlichen." Den meisten Verbrauchern hilft das voraussichtlich wenig, die Analysen sind etwas für Eingeweihte.

Die Experten in Helsinki müssen sich laut Reach-Verordnung mindestens 5 Prozent aller Testdossiers ganz genau vornehmen. Viel ist das nicht. Doch das sollen diejenigen sein, bei denen die Daten auf den ersten Blick nicht ausreichend erscheinen. Die Frage für die Agenturmitarbeiter: Muss die Industrie intensiver testen?

Problem: "So einfach lässt sich nicht sagen, welcher Aufwand nötig ist, um die Risiken von Stoffen abzuschätzen", sagt Hansen. Stirbt eine Ratte, nachdem sie mit einer Substanz traktiert wurde, dann ist klar: Dem Menschen würde es nicht besser ergehen, und der Stoff ist Gift. Oft sind die Ergebnisse jedoch nicht so eindeutig. In welchen Dosen eine Substanz krebserregend ist, die Fruchtbarkeit stört, das ließe sich selbst in Langzeitversuchen mit Tieren nur schwer exakt ermitteln, erklärt Hansen - "Mensch ist nicht gleich Ratte." Und jeder Experte nehme die Symptome unterschiedlich ernst.

"Man wacht am Morgen auf und fühlt sich schlecht. Der eine geht zur Arbeit, der andere zum Arzt, der Dritte bleibe zu Hause", meint Hansen. Traditionell sähen die Nordländer eher eine Gefahr als die Südländer. Noch feilten sie am "einheitlichen Risikoansatz". Nur: Davon hängt ab, welches Restrisiko für Verbraucher in Kauf genommen wird und welche Kosten den Unternehmen aufgebürdet werden.

Schon als Reach erarbeitet wurde, gab es einen erbitterten Kampf der Lobbyisten. Umweltverbände warnten vor laxen Standards. Aus ihrer Sicht müssen alle verdächtigen Substanzen vom Markt verschwinden. Die Wirtschaft warnte dagegen vor dem Verlust von tausenden Arbeitsplätzen wegen der kostspieligen Tests - und setzte sich in vielen Punkten durch.

Heute zeigt sich die Wirtschaft verhalten. Die Reach-Expertin Krysia Klemme des Bundesverbandes der Deutschen Industrie sagt: "Wir nehmen die Aufgaben an, den Anforderungen der Reach-Verordnung gerecht zu werden." Reach zu verstehen, das ist für die Firmen gar nicht so einfach.

Die Experten in Helsinki haben schon 15 Ratgeber geschrieben. Je nachdem welche Branche sie betrifft, kann so ein Ratgeber bis zu 1.500 Seiten umfassen. Welche Stoffe sind einzubeziehen, wie müssen die Daten eingereicht werden? Die Sprache ist etwas für Juristen. Frank Büchler ist selber einer - und er entwickelt diese Dossiers. Er sagt: "Die bis zu 30.000 betroffenen Unternehmen beklagen sich selten."

Die Agentur hat seit Mitte letzten Jahres zwar 5.000 E-Mails von Firmen bekommen, oft stellten diese darin aber nur Fragen wie: "Müssen Nanopartikel registriert werden?" Ja, müssen sie. Und: "Stecken in unserer Farbe Stoffe, die gefährlich sein könnten?" Da müssen die Unternehmer ihre Zulieferer fragen. Die Agentur kann selten ganz konkrete Tipps geben.

Die größeren Konzerne haben für Reach extra Personal abgestellt: Bei dem von Bayer abgespaltenen Konzern Lanxess mit einem Jahresumsatz von etwa 6,6 Milliarden Euro sechs Leute. Die Wirtschaft versucht, das Beste für sich rauszuholen, daraus kann man ihr keinen Vorwurf machen.

Doch Ninja Reineke vom Umweltverband WWF fürchtet, dass die Industrie von den Experten in Helsinki bevorzugt werden könnte - auch wenn alle Agenturmitarbeiter eine Erklärung unterschreiben mussten, in der sie ihre Unabhängigkeit von den Chemiefirmen erklärt haben. Ihr Beispiel: Schuhe.

Weichmacher in Schuhen

In den Sohlen stecken häufig Stoffe, die das Material flexibel machen sollen. Und einer dieser Weichmacher heißt DEHP und steht im Verdacht, für den Schwund von Spermien verantwortlich zu sein. Bislang ist die Verwendung diese Stoffe nur in Spielzeugen verboten. Die DEHP-Produktion müsse generell gestoppt werden, fordern aber die Umweltschützer.

Doch die Agenturexperten könnten anders argumentieren: Kein Verbraucher komme mit DEHP aus der Sohle direkt in Kontakt, der Stoff sei dort gebunden und somit unter Kontrolle. So könnten sie auch dafür plädieren, den Stoff für die Schuhe zuzulassen.

Für Reineke wäre das nicht nachvollziehbar: Sie sagt: "Der Stoff wird immer wieder in Blut und Urin von Kindern gefunden. Weichmacher gasen auch bereits beim Gebrauch aus den Produkten aus." In der Verordnung steht aber: Unternehmen müssen giftige gegen ungefährliche Substanzen nicht austauschen - wenn sie nachweisen, dass Arbeiter und Konsumenten damit nicht in Berührung kommen. Und das ist vage.

Allerdings entscheiden die Mitarbeiter der Agentur nichts, doch machen sie die Vorschläge für sogenannte Technische Komitees. Für diese Komitees haben die EU-Mitgliedstaaten sechzig Experten benannt, die "nur als Wissenschaftler agieren dürfen", sagt der Agentur-Sprecher Petteri Mäkelä.

Umweltschützerin Reineke macht allerdings eine andere Personalie viel mehr Sorgen: Der Belgier Geert Dancert hat den Chefposten der Agentur bekommen, nachdem er in der DG Enterprise, der Unternehmensabteilung der EU-Kommission, die Chemiereform federführend mit erarbeitet hat - naturgemäß aus Sicht der Industrie.

Der Industrie wiederum missfällt, dass Leute auch aus der Umweltsparte der Kommission, der DG Environment, angeheuert wurden wie - Björn Hansen. Hansen sagt: "Es steht eins zu eins."

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