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Die Christen stürmen ins Revier

Heute abend wird in Essen, Bochum und Dortmund der 24. Deutsche Evangelische Kirchentag eröffnet/ Schwerpunkte auf Ost-West-Dialog und Kirche und Kultur  ■ Von Bettina Markmeyer

Bochum (taz) — In Bochum werden sich die gläubigen Massen symbolträchtig unter dem Förderturm des dortigen Bergbau-Museums zusammenfinden, um den 24. Deutschen Evangelischen Kirchentag im Ruhrgebiet zu eröffnen. Mit über 60 Gottesdiensten in Kirchen, Hallen und den Innenstädten von Essen, Bochum und Dortmund startet heute abend der erste evangelische Kirchentag, der in einer ganzen Region stattfindet, ein „Wagnis“, wie Kirchentags-Präsident Erhard Eppler schon vorab zu bedenken gab.

Bis am Sonntag vormittag das Kirchenspektakel mit einem Schlußgottesdienst im Gelsenkirchener Parkstadion beendet werden wird, haben 102.000 DauerteilnehmerInnen und zahllose Tagesgäste die Auswahl unter 3.000 Veranstaltungen in den drei Revierstädten. Die größte Zitterpartie dürfte dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) ins Haus stehen, der mit S-Bahnen und Bussen die Massen mobil halten soll.

Mit etwa 10.000 TeilnehmerInnen aus der Ex-DDR kommen weniger Ossis als erwartet und erhofft, wie insgesamt die Anmeldungen hinter den Erwartungen zurückblieben. Mit viel politischer und theologischer Ost-Prominenz wird der anfangs noch als westdeutsche Veranstaltung konzipierte Kirchentag gleichwohl Ostdeutschland und -europa zu einem Schwerpunkt machen. Daß die Vereinigung der west- und ostdeutschen Kirche keineswegs reibungslos verläuft, wird sich auch im Revier an Themen wie der Debatte um den Paragraph 218, Militärseelsorge oder Kirchensteuer zeigen. Foren zu Polen und zur Sowjetunion, deutsch-deutsche Abendgespräche und das Essener Ost-West-Begegnungszentrum mit dem vielsagenden Namen „Halle der Umarmung“ bieten den Wessis weitere Gelegenheiten, „genau und geduldig zuzuhören“ (Eppler), wenn Ost-Christen über ihre Erfahrungen reden.

Während die Ost-West-Debatte dem Revier-Kirchentag sozusagen von der Politik diktiert worden ist, hat das Kirchentagspräsidium die Auseinandersetzung der Kirche mit dem Kulturbetrieb zum thematischen Mittelpunkt gemacht. Die meisten Veranstaltungen laufen im dritten Themenbereich „Glaube und Kultur“ und werden flankiert vom Kulturprogramm „Freiräume“. Allein in dieses Programm investierten die Kirche von Westfalen und die NRW-Landesregierung jeweils 1,5 Millionen DM. Der Kirchentag beschäftigt sich im Forum „Der Geist und die Geister“ erstmals mit den Bewegungen des New-Age, mit Spiritualität, Sekten und Religiosität jenseits der großen Kirchen. Mit der Losung „Gottes Geist befreit zu leben“ deutet sich in diesem Jahr auch eine Abwendung von unmittelbar politischen oder sozialen Themen an. Anders als früher, als die Themenbereiche nach Etiketten wie „ökologisch“ oder „theologisch“ getrennt wurden, sollen sich im Revier theologische Stellungnahmen an allen Themen abarbeiten. Vier Komplexe gliedern das Angebot: die Frage nach gerechter und ökologisch vertretbarer Wirtschaftsweise, der Ost-West- Dialog, Christen und Kultur sowie christlicher Glaube im Alltag.

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