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Filmfestspiele in CannesDie Axtklaviersonate

■ Jane Campions „The Piano“

Den Dschungel stellt man sich heiß und feucht vor, auf Neuseeland aber ist er kalt. Er wirkt wie ein Aquarium, grün, voller Schlingpflanzen, bodenlos vor Schlamm. Hier spielt Jane Campions neuer Film „The Piano“.

Wer in der 1850er Jahren durch Neuseeland reisen wollte, mußte das Schiff nehmen. Überlandstraßen gab es noch nicht. Die Reisen waren gefährlich, denn die See vor Neuseeland ist schwer. Ein Klavier anzulanden, in einer torkelnden Nußschale von Boot, war ein Kunststück. Ada besteht darauf. Stewart (Sam Neill) hat sie sich gekauft, weil es Zeit ist zu heiraten. Er hat ein Haus im finsteren Dschungel, den er mühsam urbar zu machen versucht. Es macht ihm nichts aus, daß Ada (Holly Hunter) seit ihrem sechsten Lebensjahr kein Wort mehr gesagt hat und schon eine Tochter hat, mit der sie sich durch Zeichen verständigt. Es gibt Passagen im Film, wo niemand spricht und dennoch Untertitel vonnöten sind.

Der Film erzählt von der unüberwindlichen Fremdheit zwischen der stummen Pianistin und Stewart, von der Anziehung, die sie für Stewarts Nachbar Baines (Harvey Keitel) empfindet, und vom Verrat der Tochter. Baines kauft sich von Stewart das Klavier — angeblich, um bei Ada Stunden zu nehmen. In Wirklichkeit will er, daß sie sich das Klavier durch Gefälligkeiten Taste für Taste zurückkauft. Dann läßt er von diesem seltsamen Handel ab, weil er sich wirklich in sie verliebt. Stewart, von der Tochter informiert, rast vor Eifersucht und bestraft Ada: Es kostet sie den Zeigefinger der rechten Hand. Am Ende gibt er sie trotzdem frei.

„The Piano“ ist eine Art modernisierter Bronte-Roman, in dem Liebe Verzicht ist — nur daß hier die Männer verzichten. Aber welche Aktualität verbirgt sich in den alten Kostümen, die nicht auch in der Gegenwart hätte dargestellt werden können? Vielleicht liegt es auch an der Musik von Michael Nyman. Lyrisch, ohne süß zu sein, und repetitiv ohne Dringlichkeit. „The Piano“ ist ein schöner Film, der ratlos läßt. Thierry Chervel

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