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Die Albaner sind ihren Staat los

■ Ein Land in voller Auflösung: Tausende fliehen, Berisha will bleiben. OSZE-Vorsitzender hält Militäreinsatz für wahrscheinlich. Bundeswehrhubschrauber bei Einsatz beschossen. Plünderungen und Schießereien halten weiter an

Tirana (dpa) – Angesichts der drohenden Gefahr eines offenen Bürgerkrieges in Albanien verließen gestern Hunderte von Albanern und Ausländern das Land. Der amtierende OSZE-Vorsitzende und dänische Außenminister Niels Helveg Petersen hielt gestern abend einen Militäreinsatz der OSZE für „wahrscheinlich“. Das erklärte er nach einem Gespräch mit dem OSZE-Gesandten Franz Vranitzky.

Vranitzky war zuvor auf einem italienischen Kriegsschiff mit Ministerpräsident Bashkim Fino zusammengetroffen. Dabei saßen erstmals seit Beginn der Krise auch Vertreter der Rebellen mit am Verhandlungstisch, berichtete das griechische Außenministerium. Vranitzky empfahl den Einsatz einer internationalen Polizeitruppe, um die Ordnung in Albanien wiederherzustellen. Eine solche Operation solle im Rahmen einer „Koalition der Willigen“, jedoch nicht unter dem Dach der WEU, der UN oder OSZE durchgeführt werden, sagte er. Heute beraten die EU-Außenminister über einen möglichen Einsatz.

Westliche Staaten evakuierten gestern in aller Eile ihre Bürger aus dem Land. Etwa 110 Deutsche und Ausländer wurden mit Hubschschraubern der Bundeswehr geborgen. Deutsche SFOR- Truppen flogen den Einsatz. Dabei wurde einer der Hubschrauber in Tirana in eine Schießerei verwickelt. Von deutscher Seite sei zurückgeschossen worden. An Bord sei niemand zu Schaden gekommen, hieß es von der Hardthöhe. Italienisches Militär schloß die Bergung von insgesamt 900 Personen ab. Die USA unterbrachen die Evakuierung von US-Bürgern, nachdem eine Rakete auf einen amerikanischen Hubschrauber abgefeuert worden war. Sie habe aber ihr Ziel verfehlt, teilte ein US-Sprecher mit.

Mit Fischkuttern, Patrouillenschiffen und Torpedobooten überquerten auch Hunderte von albanischen Männern, Frauen und Kindern die Meerenge von Otranto. Auch die Kinder von Präsident Sali Berisha sowie Ex-Verteidigungsminister Safet Zhulali erreichten auf dem Frachter „Fulgidus“ zusammen mit 65 Landsleuten den Hafen von Brindisi. Stündlich sichten italienische Küstenwacht und Polizeihubschrauber Boote, die beladen mit Flüchtlingen auf die apulischen Badestrände zusteuern. Das UN-Flüchtlingshilfswerk verhandelte mit Italien und Griechenland über die Errichtung von Lagern für bis zu 3.000 Flüchtlinge.

Präsident Sali Berisha will jedoch weiter in Tirana ausharren. „Ich habe nicht die Absicht, zurückzutreten. Ich werde das Land niemals verlassen“, sagte er in einem Telefoninterview. Ob jedoch Berisha oder seine „Regierung der Nationalen Versöhnung“ überhaupt noch Einfluß haben, war nicht festzustellen.

Im ganzen Land herrscht weiter Chaos. Seit Beginn der Unruhen vor einem Monat seien über 100 Menschen getötet und mehrere hundert verletzt worden, meldete die amtliche Nachrichtenagentur ATA. Allein bei den nächtlichen Schießereien in Tirana waren nach Auskunft des Zentralkrankenhauses neun Menschen getötet worden. Weit über 70 wurden verletzt. Auch Einrichtungen des Roten Kreuzes wurden gestern gestürmt und geplündert. Ärzte riefeen die Bürger auf, nicht mehr aufeinander zu schießen. Tagesthema Seite 3

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