Dezentrales Mahnmal in Berlin: „Verlegung ist eine Trauerfeier“

30 neue Stolpersteine werden in Berlin verlegt. Eingeladen ist jeder, auch Nachbarn und Angehörige. Einige von ihnen haben Angst vor rechten Gegnern.

Putzen gegen das Vergessen und für die Sichtbarkeit der Opfer Foto: Christoph Soeder/dpa

taz: Die Stolperstein-Initiative Stierstraße Berlin-Friedenau lässt am Freitag und Samstag so wie am kommenden Dienstag 30 neue Stolpersteine in Friedenau und Mitte verlegen. Wie regelmäßig kommt das vor?

Sigrun Marks: In Berlin sind circa 7.500 Steine verlegt worden. Unsere ehrenamtliche Gruppe hat seit 2007 etwa 120 Steine für Friedenau und 60 Steine für ganz Berlin initiiert. Es gibt sehr lange Wartezeiten für die Verlegung von Stolpersteinen, da der Künstler nur viermal im Jahr nach Berlin zum Verlegen kommt. Einige Bezirke, wie Charlottenburg, haben eine Warteliste für über 500 Stolpersteine.

Helmuth Pohren-Hartmann: Da das Ganze ein Kunstprojekt ist, verlegt der Künstler Gunter Demnig die Steine selbst. Wir als Gruppe recherchieren die Biografien der Opfer und beantragen die Verlegung. Wir richten zusätzlich noch die Gedenkfeiern aus, oft auch in engem Kontakt mit den Angehörigen der Opfer.

Am 29. Dezember 2019 verlegte Demnig in Memmingen den 75.000. Stolperstein in ganz Europa.

Pohren-Hartmann: Das Projekt ist das größte dezentrale Mahnmal Europas. Der Künstler verlegt Steine in den von den Nazis besetzten Ländern wie Polen, Ukraine, Russland, Frankreich, Holland oder Dänemark.

Sigrun Marks

„Nach Halle haben sie abgesagt, sie trauen sich nicht“

Marks: Die Steine werden alle einzeln in Buch, Berlin-Pankow, aus Messing und Beton hergestellt und reisen dann mit dem Künstler durch ganz Europa. Es ist wichtig, dass es keine Massenproduktion ist, anders als bei der Massenermordung – es soll das Schicksal jedes Einzelnen nachvollzogen werden.

Für wen wird verlegt?

Pohren-Hartmann: Viele der ermordeten Juden kamen aus Berlin. Einfach weil es hier eine große Gemeinde gab. Deshalb widmen sich die meisten Steine jüdischen Opfern. Aber generell werden die Stolpersteine für alle Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Dazu zählen zum Beispiel auch Homosexuelle, Kommunisten, Zeugen Jehovas, Sozialdemokraten, Oppositionelle aus der Kirche, psychisch Kranke oder Gewerkschaftler.

Sigrun Marks und Helmuth Pohren-Hartmann, Sprecher der ehrenamtlichen Initiative

Marks: Seit etwa fünf Jahren werden auch Stolpersteine für die Überlebenden verlegt, die sich damals ins Ausland retten konnten, zum Beispiel nach Dänemark oder England. Für einen von ihnen, Henry Pheil, verlegen wir am Freitag einen Stein. Er konnte damals als 19-Jähriger nach Schottland fliehen, seine Eltern wurden deportiert und ermordet. Für sie liegen bereits Steine am Perelsplatz, er soll nach seinem Tod dort mit ihnen wieder vereint werden. Aber auch für noch Lebende verlegen wir Steine.

Wie kam die Idee auf, auch der Überlebenden zu gedenken?

Marks: Das kam vom Künstler, aber ist innerhalb des Stolpersteinprojekts immer noch umstritten, einige Teilnehmer sagen, das entspreche nicht der ursprünglichen Idee Stolpersteine für die ermordeten Opfer zu verlegen.

Ein Stolperstein kostet 120 Euro. Wer bezahlt das denn?

Marks: Die Angehörigen der Opfer sollen keinen Pfennig zahlen.

Pohren-Hartmann: Jeder kann Pate werden. Unsere Gruppe hat ein finanzielles Polster, da wir mehrfach hohe Spenden von Privatpersonen bekommen haben und immer wieder Stolpersteinpaten gewinnen können.

In welcher Form beteiligen sich die Bezirke am Stolpersteinprojekt?

Marks: In Berlin gibt es Stolpersteinbeauftragte, die zusammen mit der vom Senat finanzierten Koordinierungsstelle die Verlegungen planen.

Pohren-Hartmann: Die Koordinierungsstelle kennt die Baupläne und weiß, wo der Stein verlegt werden kann. Historiker prüfen die Biografien.

Kommen die Angehörigen auf Sie zu oder recherchieren Sie die Namen?

Pohren-Hartmann: Für viele ist der Stolperstein die einzige öffentliche Stelle, wo ihrer Angehörigen gedacht wird. In der Stierstraße in Schöneberg gab es einen Mann aus Kanada, der vor dem Stein stand, fürchterlich weinte und sagte: „Jetzt habe ich endlich einen Ort, wo ich meinen Eltern gedenken kann.“

Marks: Nicht immer kommen Angehörige. Wir betrachten die politischen Entwicklungen mit großer Sorge, weil einige dadurch Angst bekommen.

Durch rechten Terror?

Marks: Zu der Verlegung von Henry Pheils Stein am Freitag wollten jüdische Angehörige aus Israel und den USA kommen. Nach dem Anschlag in Halle haben sie abgesagt, sie trauen sich nicht. Es war eine große Erschütterung für uns.

Werden viele der Stolpersteine geschändet?

Pohren-Hartmann: Der letzte Anschlag war vor einigen Jahren in Schöneberg. Wir haben Anzeige erstattet, aber nie etwas vom Staatsschutz gehört. Rechtsextreme haben die Steine in der Nacht nach der Verlegung mit schwarzem Lack besprüht. Es kam auch schon vor, dass Steine ausgegraben und gestohlen wurden. In solchen Fällen macht der Künstler sie sofort neu, als Zeichen gegen Rechtsextremismus.

Wie sehr nimmt diese Aufgabe Sie beide emotional mit?

Marks: Um den Kontakt zu den Angehörigen zu finden und aufrechtzuerhalten erfordert es Engagement und auch viel Herzblut. All die Recherchen in den Archiven gehen uns nah. Wir betrachten die Verlegung als Trauerfeier, da wird es sehr emotional.

Im Stadtbild haben sich manche vielleicht schon an den Anblick gewöhnt. Stolpern die Leute noch über die Steine?

Pohren-Hartmann: Im Alltag bleiben viele Leute stehen. Indem sie sich herunterbeugen müssen, um den Stein zu lesen, verbeugen sie sich so vor den Opfern. Das war auch die ursprüngliche Idee des Künstlers. Es geht weniger ums Stolpern. Zu den Feiern kommen meist 20 bis 100 Leute.

Zu den Gedenkfeiern laden Sie auch die Nachbarn aus dem Haus ein.

Marks: Ja, viele wissen nicht, dass in den Häusern Menschen gelebt haben, die deportiert wurden. Wir laden auch benachbarte Schulen und Kindergärten ein, die dann mit einem Chor singen oder Gedichte vortragen. Den Kindern berichten wir von unserer Arbeit. Uns ist wichtig dass die Steine im Kiez verankert sind.

Sonja Stabenow, Ko-Autorin,14, ist Schülerpraktikantin der taz

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