Deutsche bei Handball-WM Außenseiter: Optimismus statt Schwarzsehen

Freitag beginnt die Handball-WM in Kroatien. Titelverteidiger Deutschland ist mit seiner unerfahrenen Auswahl Außenseiter. Einziger Trost: Der Konkurrenz geht es ähnlich.

Optimistisch geht anders: Bundestrainer Heiner Brand trainiert eine unerfahrene Truppe. Bild: dpa

HAMBURG/ZAGREB taz Es gibt noch Optimisten. Deutschland reise sicher nicht als Favorit zu den 21. Handball-Weltmeisterschaften in Kroatien, die am Freitag mit der Partie Kroatien gegen Südkorea beginnen, das weiß auch Stefan Kretzschmar. Der Sportdirektor des SC Magdeburg nennt, wie so viele Experten, hier zuerst Gastgeber und Olympiasieger Frankreich. "Aber ich traue unserer Mannschaft durchaus zu, den Titel zu verteidigen - wenn alles gut läuft", so der 218fache Altinternationale.

Weltmeister Markus Baur, als TV-Experte für RTL am Ort der Geschehnisse, ist ebenfalls zuversichtlich. "Viele sehen die Sache zu schwarz", meint der Trainer des TBV Lemgo. Doch nach Meinung der meisten Fachleute steuert der Titelverteidiger auf düstere Zeiten zu. Deutschland habe eine starke erste Sieben, weiß der Trainer des dänischen Europameisters, Ulrik Wilbek, "aber für eine Medaille braucht man 16, vielleicht sogar 18 gleichwertige Spieler". Und über diese qualitative Breite verfügt Bundestrainer Heiner Brand, der auf die baldige Genesung seines Regisseurs Michael Kraus (Muskelfaserriss) hofft, derzeit nicht. Der 56-jährige Gummersbacher prognostiziert für sein Team "ein schweres Turnier".

Auch die Geschichte spricht gegen Deutschland. Als Rumänien das letzte Mal eine Titelverteidigung gelang (1974 in der DDR), befand sich der Hallenhandball noch in einer Art spieltaktischer Steinzeit. Die Unterschiede zwischen den Teilnehmern sind immer geringer geworden. Es sind Kleinigkeiten, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Allzu oft beeinflusst Erfahrung diese Details - auch das spricht gegen das deutsche Team. Allein Pascal Hens (156 Länderspiele) und Torsten Jansen (154) haben mehr als 150 Einsätze hinter sich, auch die Torhüter Johannes Bitter (104) und Carsten Lichtlein (100) wissen, worum es geht. Doch viele deutsche Handballprofis haben ihr erstes großes Turnier, so Michael Müller (TV Großwallstadt), Christian Sprenger, Silvio Heinevetter (SC Magdeburg) und Martin Strobel (TBV Lemgo). Andere haben bis Peking 2008 eher auf der Bank Platz genommen. Brand weiß, dass diese Struktur ein großes Risiko darstellt, zumal mit RTL erstmals ein privater TV-Sender die WM-Partien überträgt. Andererseits habe er keine andere Wahl. Er müsse ein Team aufbauen, "das noch bei Olympia 2012 spielen kann".

Diese WM ist daher ein Turnier des Übergangs. Denn auch andere Mannschaften nutzen den Auftakt der neuen olympischen Periode, um den Neuaufbau für das olympische Turnier 2012 in London anzugehen. So fehlen auch beim ersten deutschen Gegner Russland (Samstag, 17.30 Uhr, live bei RTL) zwei der wichtigsten Köpfe der vergangenen Jahre: Eduard Koksharov, einer der besten Linksaußen der Handballgeschichte und außergewöhnlich nervenstarker Siebenmeterschütze, hat nach dem sechsten Platz in Peking seinen Rücktritt erklärt. Rechtsaußen Denis Krivoschlykow wurde nicht mehr nominiert - damit verfügt das Team über keinen aktiven Weltmeister des Jahres 1997 mehr. Noch stärker aber fällt ins Gewicht, dass die russische Trainerlegende Wladimir Maximow zum zweiten Mal demissionierte. Beim ersten Mal nahm es keinen guten Ausgang für die Russen, deren Team sich aus 18 Profis des Meister Medwedi Tschechow rekrutiert: 2005 in Tunesien schied die Sbornaja bereits in der Hauptrunde aus.

Aber in fast allen Teams fehlen Schlüsselspieler. Allein Europameister Dänemark, das von Flensburgs Linksaußen Lars Christiansen angeführt wird, kann aus dem Vollen schöpfen. Vizeweltmeister Polen, der letzte deutsche Vorrundengegner in Varazdin, muss indes ohne seinen Regisseur Grzegorz Tkaczyk auskommen, der sich auf seinen Klub Rhein-Neckar Löwen konzentrieren will. Kroatien läuft ohne Rechtsaußen Mirza Dzomba auf, der stets die Seele des Teams verkörperte. Olympiasieger Frankreich muss auf seinen stärksten Abwehrspieler Bertrand Gille verzichten, der Kreisläufer vom HSV Hamburg benötigt eine Atempause. Spanien befindet sich mit einem neuen Nationaltrainer ebenfalls in der Rekonstruktion, und die Auswahl der sieggewohnten Schweden ist blutjung. Die meisten Konkurrenten also starten ebenfalls mit ungewisser Prognose in dieses Turnier. Vieles deutet darauf hin, dass die 21. WM als ein Turnier der Überraschungen in die Geschichte eingehen wird.

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