Deutsch-israelisches Verhältnis: Verliebt in Berlin

Nicht erst seit Merkels dreitägigem Besuch und ihrer Rede in der Knesset finden jungre Israelis Deutschland und vor allem die Hauptstadt ziemlich sexy.

"Soll sie etwa auf Spanisch sprechen?" - Merkel in Israel. Bild: dpa

JERUSALEM taz Ascher Bivas wühlt in seiner Tasche. "Hier ist sie!", ruft er und zieht die Zeitung Jediot Achronot aus der Tasche. Auf vier Seiten hat das israelische Massenblatt ein Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel abgedruckt. "Was sie hier über Iran sagt, ist resolut und unmissverständlich, das finde ich toll", strahlt der 39-jährige Israeli, der in Jerusalem einen Kita betreibt. "Jemand wie Merkel hilft uns mehr als die gesamte jüdische Lobby."

Am Dienstag sprach die Kanzlerin in der Knesset. Israel und Deutschland seien "in besonderer Weise in Erinnerung an die Schoah verbunden". Der Völkermord "erfüllt uns Deutsche mit Scham". Sie verneige sich vor den Opfern und allen, die den Überlebenden geholfen haben. Beifall bekam Merkel dafür, dass sie ihre Rede mit einem hebräischen Satz begann: "Ich danke Ihnen, dass ich in meiner Muttersprache zu Ihnen sprechen darf. Es ist eine große Ehre." Sie betonte Deutschlands Eintreten für eine Zweistaatenlösung. Aber "die Sicherheit Israels ist für mich niemals verhandelbar".

Bivas macht sich keine Illusionen. "Ich weiß, dass Deutschland einst mit uns Beziehungen aufgenommen hat, weil sie ihr Gewissen reinwaschen wollten", sagt er und nimmt eins der Kinder auf den Schoss. "Aber, ach, heute, das ist anders, es ist eine andere Generation und ein anderes Deutschland. Wir teilen denselben Traum von einer besseren Welt", sagt er und fügt schließlich hinzu: "Es ist, als ob wir die Nazis doch noch besiegt hätten."

Dabei ist Bivas mit einem ganz anderen Deutschlandbild aufgewachsen. Sein Vater ist in dem Konzentrationslager Bergen-Belsen geboren. Im Umfeld der Familie Bivas kaufte niemand deutsche Produkte. Und niemand wollte je wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen. "Aber seitdem ist Zeit vergangen. Viele hier haben auch verstanden, dass der Holocaust nicht nur eine große Tragödie für das jüdische Volk ist, sondern auch für die Deutschen."

Dass Kanzlerin Merkel gestern auf Deutsch in der Knesset, dem israelischen Parlament, gesprochen hat, stört ihn nicht - ebenso wenig wie die meisten Israelis. Ein Radiomoderator des Senders "Reschet Bet" fragte gestern Morgen sogar: "Soll die deutsche Kanzlerin etwa auf Spanisch reden? Man kann sie nicht erst einladen und ihr dann vorschreiben wollen, in welcher Sprache sie sprich." Dass vier israelische Volksvertreter die Rede der Kanzlerin boykottieren, hält die Abgeordnete und Holocaust-Überlebende Sarah Marom Schalew für "nicht mehr als Populismus".

Deutsch sei nicht nur die Sprache der Nazis gewesen, argumentieren andere, sondern zum Beispiel auch die von Theodor Herzl, dem Vater des Zionismus. Doch warum kann die Kanzlerin eigentlich nicht auf Englisch reden, eine Sprache, die alle verstehen?

Merkel spricht neben Russisch auch recht ordentlich Englisch. In Vieraugengesprächen oder bei den Regierungskonsultationen mit dem israelischen Kabinett hat sie sich nicht übersetzen lassen. Aber seit sie für ihre Fehler bei einer auf Englisch gehaltenen Rede in den USA in der deutschen Presse verspottet wurde, hat sie es sich zum Prinzip gemacht: Als deutsche Kanzlerin will sie Reden und Pressekonferenzen in ihrer Muttersprache halten können.

Für Merkel jedenfalls änderte die Knesset sogar ihr Statut. Sie ist die erste ausländische Regierungschefin, die vor der israelischen Volksvertretung sprechen darf. Die Beziehungen waren schon vor Merkel freundschaftlich, aber die Kanzlerin hat mit ihrem echten Interesse an Israel das Verhältnis in besonderer Weise vorangebracht. Sie sucht die Nähe zum jüdischen Staat.

Längst wird das Interesse auch von israelischer Seite erwidert. Deutschland steht laut einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung von 2007 in der Beliebtheitsskala der Israelis an dritter Stelle, noch vor Italien und Frankreich. Insbesondere diejenigen, die schon in Deutschland waren, bewerten das Land der Täter positiv. Wenn man bedenkt, dass 1965, als die beiden Länder diplomatische Beziehungen aufnahmen, noch Steine und Flaschen auf das Auto des deutschen Botschafters flogen, ist die Entwicklung geradezu sensationell.

Gerade Berlin hat es den Israelis angetan. Die Stadt gilt als cool, aufregend, interessant und bezahlbar. Die Flüge aus Tel Aviv nach Berlin haben sich vervierfacht. Ab dem Sommer drängt mit Germania eine vierte Fluggesellschaft mit Direktflügen ab Berlin auf den Markt.

Auch Sarah Segal konnte der Stadt, in der die Nazis einst die Vernichtung der europäischen Juden planten, nicht widerstehen. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen des Holocaust. "Als ich 2002 das erste Mal für ein Wochenende in Berlin war, habe ich noch ein halbes Jahr später davon geredet", erzählt die 29-jährige Lehrerin für Jüdische Philosophie und Literatur. Die Stadt zieht sie magisch an. "Sie symbolisiert die Veränderung in Europa, den Westen und den Osten, das Alte und das Neue."

Erst viel später, als Segal bereits in Berlin verliebt war, hat sich herausgestellt, dass ihre bereits verstorbene Mutter mit den Großeltern nach dem Krieg als kleines Kind eine Zeit lang in einem Auffanglager für Überlebende in Berlin gelebt hat. Das hat ihr Gefühl verstärkt, sich in Berlin mit der Vergangenheit und der Gegenwart auseinandersetzen zu können. "Man kann sich mit der Geschichte befassen und gleich darauf in ein Café oder in eine Ausstellung gehen." Das sei ganz anders als bei den Touren nach Polen, die für Israelis organisiert werden, und die praktisch nur von Todeslager zu Todeslager führen. "Berlin ist eine Alternative zu diesen Reisen geworden. Und inzwischen ist das ganze Volk Israel dorthin unterwegs."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de