Detlef Garbe über die Arbeit im einstigen KZ: "Ich empfinde es als Gnade"

Detlef Garbe, Leiter der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme, ist froh, dass das Gelände, das die Stadt Hamburg nach dem Krieg als Gefängnis weiternutzte, nach vielen politischen Querelen ein betretbarer Ort geworden ist.

Findet die Arbeit in der einstigen Häftlingsbaracke nicht schwierig: Detlef Garbe Bild: Miguel Ferraz

taz: Herr Garbe, warum haben Sie über die Zeugen Jehovas im Dritten Reich promoviert? Sind Sie einer?

Detlef Garbe: Nein, ich hatte zu dieser Minderheit ursprünglich gar keinen Zugang. Ich kam auf das Thema, weil ich in den 1980er-Jahren in Hamburg ein Forschungsprojekt über die vergessenen Opfer des NS-Regimes koordiniert habe. Bei der Gelegenheit sah ich, dass unter den Vergessenen auch die kleinen weltanschaulichen Gruppen waren, für die sich niemand interessierte. Ich befasste mich damit und bemerkte, wie hochinteressant die Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas für die Forschung ist.

Warum?

Weil diese kleine Gruppe besonders intensiv verfolgt wurde. Sie galten als pro-zionistische Sekte, weshalb die Nazis sie 1933 verboten. Die Zeugen selbst waren völlig unpolitisch. Aber diesem Verbot haben sie sich nicht gefügt.

Sondern?

Sie haben massiv Widerstand geleistet. Denn zu ihrem Glauben gehören Verkündung und Mission. Daher empfanden sie das Verbot ihrer Gruppe als Verbot ihres Glaubens und als elementaren Angriff auf ihre Persönlichkeit.

Wie äußerte sich ihr Widerstand?

Sie verweigerten sich der 1935 eingeführten Wehrpflicht und traten der NSDAP nicht bei. Außerdem leisteten sie den Hitlergruß nicht, weil sie keinen Menschen mit „Heil“ ansprechen wollten. Diese Anrede kam nach ihrem Verständnis nur Jesus Christus zu. All das führte zu einer hohen Verfolgungsintensität. Um 1933 gab es in Deutschland zirka 25.000 Zeugen Jehovas, von denen 15.000 ein Verfolgungsschicksal hatten. Fast 5.000 Zeugen waren in KZ.

Auch in Neuengamme?

Hier waren 170 bis 180 Zeugen inhaftiert. Die meisten kamen aus Deutschland und Österreich.

Sie sind als Leiter der Gedenkstätte so etwas wie das öffentliche Gesicht von Neuengamme, obwohl Sie nicht der Gründer sind …

Nein. Ich bin ja auch nicht der erste Leiter. Im Übrigen verdankt diese Gedenkstätte ihre Existenz ausschließlich dem zähen Beharren von Überlebenden. Sie forderten, dass dieser Ort ein Friedhofsort sein möge, und vor allem: ein betretbarer Ort.

War er das nicht?

Lange Zeit nicht. Nach dem Krieg diente er den Briten drei Jahre lang als Internierungslager für belastete Nazis. Und ab 1948 waren in den ehemaligen KZ-Gebäuden zwei Gefängnisse.

In denselben Gebäuden?

Ja. Außer dem Krematorium, das abgerissen wurde, hat die Stadt Hamburg alle aus Stein gebauten Gebäude als Gefängnisgebäude nachgenutzt.

Auch in Ihrer Zeit?

Ja. Die Gefängnisse wurden erst 2003 und 2006 verlegt.

Fanden Sie diese Nachnutzung akzeptabel?

Überhaupt nicht! Ich kann sie mir nur dadurch erklären, dass die Verantwortlichen wohl pragmatisch dachten: Die Nazis hatten ihr Lager gut gesichert, und davon wollte man profitieren. Noch bis in die 50er-Jahre hinein hat man den elektrisch geladenen Draht des früheren KZ genutzt, um das Gefängnisareal zu sichern. Andererseits wurde dies genau deshalb eine für die 50er-Jahre moderne Strafanstalt. Da die hohe Sicherheit Fluchten verhinderte, wurde der Umschluss eingeführt, sodass sich die Gefangenen zeitweilig auf dem Gelände frei bewegen konnten. Überall sonst herrschte damals noch strenger Zellenverschluss.

56, Historiker und Theologe, ist seit 1989 Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und hat über die Geschichte der Zeugen Jehovas im Dritten Reich promoviert. Vor seiner Tätigkeit in Neuengamme war er am Museum für Hamburgische Geschichte tätig. Veröffentlicht hat er unter anderem über die Geschichte der Konzentrationslager, die Wehrmachtjustiz und vergessene Opfergruppen des Nazi-Regimes.

Warum wurden die Gefängnisse erst so spät verlegt?

Weil die Gedenkstätte in Hamburg wenig Fürsprecher hatte. Ein großer Teil der deutschen politischen Häftlinge war nach der Räumung beim Bombardement des KZ-Schiffs „Cap Arcona“ umgekommen. Andererseits waren die einzigen, die als Lobbyisten Neuengammes auftraten, überlebende Kommunisten. Die gerieten aber in die ideologische Auseinandersetzung der Folgejahrzehnte, sodass es irgendwann hieß, die Lagergemeinschaft sei eine kommunistische Tarnorganisation.

Ist es Ihnen mal schwer gefallen, an diesem Ort zu arbeiten?

Diese Frage stellt sich natürlich für alle Mitarbeiter. Wenige kündigten bald wieder, weil sie es nicht aushielten. Für mich war es nie ein Problem. Denn bei solch einer Arbeit gibt es immer Abstraktionsprozesse, sodass einem das Leiden nicht unmittelbar vor Augen steht – wenn ich etwa eine Datenbank pflege oder eine Rede entwerfe. Dann schreibe ich zwar über die NS-Verbrechen, aber es ist auch Routine dabei. Ich lasse es nicht so dicht herankommen.

Gelingt Ihnen das immer?

Nein. Denn auch, wenn ich einen Artikel über NS-Verbrechen relativ anteilslos lesen kann, gehen mir persönliche Begegnungen oft nahe.

Die es oft gibt.

Ja. Die Arbeit mit Überlebenden ist inzwischen zwar weniger geworden, aber wir haben noch zu 600 ehemaligen Häftlingen Kontakt. Fast alle leben im Ausland. Die meisten sind allerdings so alt, dass es nur noch ein Mail- oder Briefkontakt ist. In unserer täglichen Arbeit – als Referenten – tauchen die Überlebenden aber praktisch nicht mehr auf. Dafür kommen deren Angehörige. Und bei diesen Begegnungen spüre ich, dass mich diese Schicksale direkt berühren.

Was genau berührt Sie?

Dass diese Geschehnisse, obwohl sie jetzt 67 Jahre zurückliegen, für die Nachgeborenen noch sehr prägend sind. Meist sind die Kinder der ehemaligen Häftlinge jetzt selbst schon Rentner. Da ziehen sie oft Lebensbilanz und suchen nach den wenigen Dingen, die sie über die Eltern herausfinden können. Und oft tritt Erstaunliches zutage.

Zum Beispiel?

Bei uns wurde vor einiger Zeit ein Gedenkstein für einen niederländischen Häftling gesetzt. Ein solcher Akt hat immer einen hohen symbolischen Stellenwert, aber in diesem Fall spürte ich, da war mehr. Denn da kamen die schon hoch betagten Töchter, die Enkelkinder und Urenkel mit einem Reisebus – nur, um einen Stein für den Uropa zu setzen. Später habe ich bemerkt, dass es eine Art innerfamiliärer Versöhnungsfeier war.

Inwiefern?

Dieser Urgroßvater war ein Landwirt mit sieben Kindern gewesen, der auf seinem Hof ein jüdisches Ehepaar versteckt hatte. Er wurde ertappt und kam ins KZ; aus meiner Sicht kann es keinen ehrenwerteren Verfolgungsgrund geben. Aber seine Witwe stand mit sieben Kindern allein da und ging zu ihren Eltern zurück. Für diese Eltern war der Schwiegersohn ein Mensch, der seine Kinder im Stich gelassen hatte. Er galt familiär als schwarzes Schaf und wurde nicht erwähnt. Erst auf Betreiben der Enkelgeneration hat die Familie angefangen, das aufzuarbeiten.

Ist das ein Einzelfall?

Nein, solche Geschichten erleben wir hier sehr oft, und ich empfinde es als Gnade, diese Menschen kennenlernen zu können. Wobei die Überlebenden und ihre Angehörigen oft eher uns dankbar sind, weil wir das Andenken bewahren. Das ist mir manchmal etwas peinlich.

Sind Sie eigentlich gläubig – und kann man es in dieser Umgebung bleiben?

Gläubig im Sinne eines unerschütterten Pietismus bin ich nicht. Aber wenn man unter „gläubig“ versteht, dass das Leben einen nicht nur von Menschen erdachten Sinn hat, sage ich Ja. Damit meine ich nicht, dass es einen unabänderlichen göttlichen Fahrplan gibt. Sondern eher eine Ur-Gläubigkeit.

Was heißt das?

Dass ich viele Begegnungen nicht als zufällig empfinde, sondern als gefügt.

Ein Beispiel?

2010 gab es in Neuengamme eine Konferenz über die „Weißen Busse“, mit denen das Schwedische Rote Kreuz im April 1945 Tausende skandinavische Häftlinge rettete. Am Rande dieser Tagung sah ich, dass ein norwegischer Überlebender auf einen Franzosen zuging und sich entschuldigte. Um einen Sammelplatz für die Skandinavier zu schaffen, waren nämlich französische und andere Häftlinge aus Neuengamme in andere, teils schlimmere KZ verlegt worden – und das mit den Fahrzeugen des Schwedischen Roten Kreuzes. Der gerettete Norweger fühlte sich deswegen schuldig.

Und der Franzose?

Er sagte, der Norweger solle deswegen kein schlechtes Gewissen haben. „Wenn ich in Neuengamme geblieben wäre, wäre ich auf der ,Cap Arcona‘ umgekommen. Im Grunde verdanke ich Ihnen mein Leben“, hat er ihm gesagt. Am nächsten Tag traf ich den Franzosen wieder. Er sagte: „Das habe ich ja nur gesagt, um den Norweger zu trösten.“ Dass ich so etwas miterleben darf, empfinde ich als Fügung.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben