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Der vierte Trieb Von Mathias Bröckers

Durst, Hunger und Sex sind die drei Grundtriebe, die im Verhalten von Organismen als primäre motivierende Kraft wirken. Es gibt aber noch einen vierten Trieb, der, genau wie jene drei, zeitweilig alle anderen Aktivitäten des Lebens überdeckt. Dieser vierte Trieb, so der Psychopharmakologe Ronald K. Siegel in seinem neuen Buch, ist der Rausch („Rauschdrogen – Die Sehnsucht nach dem künstlichen Paradies“, Eichborn). Seine These leitet er nicht aus den Schlagzeilen und Statistiken des Drogenkriegs ab, sondern aus 20 Jahren Beobachtung und Erforschung berauschter Tiere, „die sich genauso verhielten wie die von uns beobachteten Menschen“. Um die Sehnsucht nach dem künstlichen Paradies, nach verändertem Bewußtsein und Rausch zu teilen, so Siegel, „muß man kein Primat sein“. Ob Alkohol oder Tabak, Marihuana oder Kokain – der Gebrauch rauscherzeugender Substanzen ist im Tierreich so verbreitet wie bei Menschen. Tiere konsumieren Drogen als Nahrungsmittel, zum Spaß und als Medizin, wobei die Gefahr des Mißbrauchs auf natürliche Weise eingeschränkt ist. Die Rauschpflanzen sind meist nur saisonal verfügbar. Stehen sie im Experiment permanent zur Verfügung, sind auch Tiere durch Mißbrauch oder Sucht gefährdet. Wie bei Menschen ist die Gefahr eines Mißbrauchs bewußtseinsverändernder Substanzen abhängig von der Lebenssituation: Je aussichtsloser und frustrierender die Situation im Gehege, desto mehr neigen zum Beispiel Affen dazu, ihre Depression im Alkohol zu ertränken. Von einer gestreßten Kolonie von Ratten, die sich über eine Taste mit einer Injektion Kokain versorgen konnten, zeigten innerhalb kurzer Zeit 83 Prozent so schwere Suchterscheinungen, daß sie das Fressen vergaßen und eingingen. Tauben lieben nicht nur Marihuana, sondern auch Psychedelika, und sie erleben offenbar ähnliche optische Halluzinationen wie Menschen: Bei Bildern, die Tauben auf einem Trip vorgeführt wurden, reagierten sie auf dieselben geometrischen Muster, die menschliche Meskalin-Benutzer häufig wahrnehmen. Paviane versuchen Langeweile mit Tabakkonsum zu bekämpfen, greifen aber bei Gelegenheit auch gern zu halluzinogenen Pilzen. Auch die Hippie-Parole von der „Antikriegsdroge“ LSD findet im Tierreich eine Bestätigung: Für Mäuse auf Acid spielte das sonst aggressiv verteidigte Territorium keine Rolle mehr. Es waren oft Tiere, die die Menschen einst zum Genuß bestimmter Pflanzen führten – das Lama entdeckte für die Andenbewohner die Kraft des Kokastrauchs, Ziegen die Stimulanz des Kaffees – und von den Tieren, so Siegels Resümee, können wir beim Umgang mit Drogen lernen. Daß bei Tieren Mißbrauch und Abhängigkeit sehr selten vorkommen, liegt daran, daß Tiere nur pflanzliche Drogen zu sich nehmen, deren Gefahrenpotential viel leichter kontrollierbar ist als das der daraus synthetisierten Turbodrogen. „Alles ist Gift, es hängt allein von der Dosis ab“ – dieser Paracelsische Leitspruch wird im Tierreich beherzigt. Diese Lektion zeigt, so Siegel, „wie wir mit Hilfe von Erziehung und Technik Frieden mit dieser natürlichen Macht schließen können“. Mit Krieg, so zeigt dieses erste umfassende Werk zum tierischen Drogengenuß, läßt sich der biologische Hang zum Rausch nicht ausschalten.

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