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berliner szenenDer schwere Mann an der Haltestelle

Ich gehe jeden Tag spazieren, bevor es an den Schreibtisch geht. Um den Kopf für den Tag durchzulüften. Und nach dem Schreibtisch, um den Kopf vom Tag zu befreien. Die Wege sind immer dieselben. Durch den Kiez, zum See rüber und drum herum. Aufs Dorf raus, hinter die Stadtgrenze. Und, immer freitags, auch einfach die Pistoriusstraße runter. Da ist ein Friedhof und da ist Ruhe. Und da fährt der 255er Bus. Wenn ich diesen Weg gehe, stand dort immer an einer Haltestelle ein Mann. Er lehnte an einem der Pfeiler des Buswartehäuschens. Er war ein schwerer Mann. Und jedes Mal, wenn ich ihn stehen sah, schien er gewachsen und schwerer zu sein. Wie er da lehnte, da tat er mir leid. Er sah erschöpft aus und atmete schwer.

Er hatte Last zu tragen. Auf seiner Stirn wuchsen Furchen. Jedes Mal als ich ihn sah, waren sie tiefer. Jedes Mal waren es mehr. Sie sahen aus wie eine topografische Karte im Atlas. Ich hätte die Furchen gern studiert, aber wie hätte ich das anstellen sollen? Der Mann stand, schwer und atmend. Ich habe ihn nie in den Bus steigen sehen.

Heute war er nicht mehr da. Das hat mich irritiert. Ich bin Richtung Hamburger Platz gelaufen, wollte ihn sehen. Also wartete ich am Bus. Aber er kam nicht. Irgendwann bin ich des Weges gegangen, am Friedhof vorbei. Vielleicht, stellte ich mir vor, ist der schwere Mann nun angekommen. Und war eigentlich ein gewaltiger Riese auf Durchreise, der noch wachsen musste. Eine Sagengestalt.

Nun wird er sich in eine Landschaft betten, die nichts als Wüste ist. Er bettet sich in dieses Nichts, und kaum liegt er, wachsen Berge aus den Hügeln seiner Stirn und Täler aus den Senken. Er weitet sich aus zu Feldern und Wald und Wiesen. Bis eines Tages die Zeit kommt und die Riesen sich erheben.

Klaus Esterluß

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